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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
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Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus .

Lücke kann auch im folgenden nicht ausgefüllt werden. Woran ichmir vielmehr Genüge sein lassen mufs, ist die starke Betonung deskolonialwirtschaftlichen Charakters der italienisch-levantischen Be-ziehungen im Mittelalter.

Systematische Ausbeutung der Mittelmeervölkermittelst Zwangsarbeit bildet das Fundamentum, auf der sichdie Machtstellung Venedigs und Genuas erhebt, woneben das bischenLevantehandel eine Quantitö negligeable ist. Es ist lebhaft zubedauern, dafs in der gründlichsten Darstellung, die die Be-ziehungen Italiens zur Levante während des Mittelalters von sogelehrter Hand erfahren haben, der wirkliche Sachverhalt so völligverkannt wird und die kolonialen Unternehmungen gleichsam immernur als Appendix desHandels auftreten, während sie doch durch-aus den Kern der Wirksamkeit Italiens in der Levante bilden, dieKolonialgründungen aber selbst, wo sie erwähnt werden, in der An-lage vonKontoren sich zu erschöpfen scheinen, während es sichum Kolonialreiche im eminenten Sinne handelt.

Die Kreuzfahrer Staaten selbst waren keine Kolonien immodernen Sinne, wohl aber bieten sie die erste Gelegenheit für dieitalienischen Städte, in die Poren fremden Volkstums einzudringenund damit den Grund zu der späteren Kolonialwirtschaft zu legen.Es ist bekannt, dafs von Beginn der Kreuzzüge an bürgerlicheElemente aus den italienischen Kommunen in grofsen Mengen demKreuzfahrerheere gleichsam wie Geier, die auf Beute lauern, ge-folgt sind, und dafs sich diese Leute, sei es persönlich, sei es alsVertreter ihres Staates, von vornherein so unentbehrlich zu machenwufsten, dafs sie in der That sehr früh reichlichen Anteil an deneroberten Gebieten im heiligen Lande erhielten. Von den 1101 und1104 eroberten Städten Arsuf, Cäsarea und Accon erhielt Genua

haupt keine Erwähnung zu geschehen. Weder Roscher spricht von ihnen,noch erwähnt sie H. Merivale in seiner Lectures on colonization andcolonies (2 Vol. 1841, 42), dem noch heute besten theoretischen Werk überKolonialwirtschaft; noch haben sie einen Platz gefunden in der z. Z. bestenGesamtdarstellung der europäischen Kolonisation, in dem Werke vonP. L e r o y -Beaulieu, De la colonisation cliez les peuples modernes. 4 e ed. 1891; nochendlich scheint ihre Darstellung im Plane des umfassenden Werkes vonA. Zimmermann, Die europ. Kolon., 1. Bd. Portugal und Spanien , 1896,2. u. 8. Bd. Grofsbritannien, 1898/99, zu liegen. Das Buch von Henry C.Morris, The history of colonization from the earliest times. 2 Vol. New-York 1900, ist mir leider, da es in Europa nicht zu beschaffen war, nichtmehr rechtzeitig zu Gesicht gekommen.