348 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus .
Was dieser nun aber in den letzten vier Jahrhunderten an Menschen-material in den drei unterjochten Erdteilen verschlungen hat, wirdman sich nicht leicht gewaltig genug vorstellen können. Was mannie vergessen sollte, ist dieses: dafs Westeuropa , um auf denheutigen Gipfel seiner Macht zu kommen, nicht nur sich der Arbeits-produkte der Aufsereuropäer innerhalb der Grenzen bemächtigt hat,innerst deren die exploitierten Völker weiter bestehen und sichnormal entwickeln konnten, sondern dafs es im wahren Sinne desWortes Raubbau mit Millionen von Menschen betrieben hat, die esdermafsen auspumpte, dafs ihnen die Fähigkeit zu eigener Repro-duktion verloren ging. Will man eine korrekte Bilanz des west-europäischen Kapitalismus ziehen, so wird man füglich, wie schonangedeutet wurde, den ungeheuren Verbrauch von Menschenlebenwährend seines Bestehens auf die Debetseite schreiben müssen.Wir sind reich geworden, weil ganze Rassen undVolksstämme für uns gestorben, ganze Erdteile füruns entvölkert worden sind.
Auch dies sind ja im allgemeinen durchaus bekannte Dinge,die es nur wieder in den richtigen Zusammenhang zu bringen gilt.
Bekannt ist vor allem das rasche Verlöschen der rotenRasse unter dem Drucke der europäischen Herrschaft, ein Ver-löschen, wie P esc hei treffend bemerkt 1 , „welches dem Verdrängenvon Tiergeschlechtern in der geologischen Zeit ziemlich nahe kommt“.Als die Spanier auf die Bahamainseln kamen, fanden sie sie dichtbevölkert. Als 1629 die Engländer sich auf Neu-Providence nieder-liefsen, waren keine Eingeborenen mehr vorhanden 2 . 1503 siedelten
die ersten Spanier sich auf Jamaika an, und schon 1558 warensämtliche Indianer verschwunden 3 . Espanola hatte 1508 (bei derEroberung) 60 000 Ureinwohner, 1548 nur noch 500 4 . Auf Kuba war 1548 die einheimische Bevölkerung bereits erloschen 5 . Peru hatte 1575 (also fast schon ein halbes Jahi’hundert nach der Er-oberung) immer noch ca. 1500000 Einwohner; 1793 nur mehr600000®. Ebenso ist in Mexiko die Bevölkerung zusammen-geschmolzen.
1 O. Peschei, a. a. O. S. 196.
2 K. Andröe, Geographie des Welthandels 2 (1872), 705.
3 K. Andröe, a. a. O. S. 706.
4 O. Pesehel, 546.
5 O. Peschei, 547.
6 A. von Humboldt, Nouv. Esp. I 2 , 298/99. Über die dichte Besiede-lung Perus vgl. auch K. Häbler, Amerika , in Helmolts Weltgeschichte 1(1899), 310. 312.