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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
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Dreizehntes Kapitel. Die Kolonialwirtschaft.

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wir hörten von der Fruchtbarkeit der Inseln im Mittelmeer , wieCypern, wo heute mehr als die Hälfte des Landes als Wüsteneigeschildert wird 1 ; man erzählt uns von den prächtigen Cypressen-wäldern, die auf der Insel Kreta rauschten, und die der Axt derYenetianer zum Opfer fielen 2 .

Dasselbe Bild der Verödung in den transoceanischen Koloniender neueren Zeit. In Westindien war die Zuckerkultur so er-schöpfend, dafs bald fast alle besseren Ländereien unbebaubarwurden 3 ; dasselbe wird aus den Provinzen Minas (Uruguay) undBahia (Brasilien ) berichtet 4 5 * * .

Überall fielen die herrlichen Wälder den europäischen Unter-nehmern zum Opfer. Bereits im Jahre 1548 war in der Nähe vonS. Domingo die Landschaft so sehr von Wald entblöfst, dafs manHolz aus einer Entfernung von 12 Meilen zuführen mufste 8 .

Ein Schulbeispiel für Raubwirtschaft bietet die Thätigkeit derholländisch-ostindischen Compagnie.Das ausschliefsliche Strebennach Gewinn hatte dahin geführt, die Aufsenbesitzungen völlig zuerschöpfen; die radikalen Mittel, welche für die Zwecke der Sieb-zehner zur Anwendung gekommen waren, endeten überall mit demElend der betroffenen Länder; die Besitzungen waren ausgeraubtund die Völker auf die tiefste Stufe der Armut herabgedrückt. . .Noch einmal trat dann eine vorteilhafte Periode ein, als das nochungeschwächte Reich Mataram (Java) der Compagnie zum Opfer

1 Unger und Kotschy, Die Insel Cypern (1865), 426 ff. Als HansUlrich Krafft im Jahre 1573 zwei Jahre nach dem Ende der venetia-nischen Herrschaft die Insel bereiste, fand er sie schon verödet. Vgl. dievon Adolf Cohn unter dem TitelEin deutscher Kaufmann des 16. Jahr-hunderts herausgegebenen Denkwürdigkeiten Kraffts (1862), 81 ff.

2 Haudecour, Introduction.

3 Merivale, Lectures on colonization and colonies 1, 41 ff. 75 ff.Daslange vor Aufhebung der Sklaverei begonnene Sinken Westindiens beruht vor-nehmlich auf der Spekulationswut, alles Land mit Ausfuhrartikeln zu bestellenund dagegen alle Lebensbedürfnisse von fern her zu importieren. Roscher,Kolonien 8 99.

4 J. von Liebig, Chemische Briefe. 6. Aufl. (1878), S. 423.

5 Peschei, Zeitalter der Entdeckungen, 559. Uber Entwaldungen auf

Curaijao durch die Spanier siehe Friedemann, Niederländisch-Ostindien(1860), 262; cit. bei Beer, Gesell, des Welthandels 2, 199. Walddevastation

in Mexiko : A. von Humboldt, Essai politique sur le royaume de la nou-velle Espagne. 2. ed. 1 (1825), 283. Hierher gehört auch die systematische

Ausrottung mancher Pflanzen, namentlich der Nelkenwälder, wie sie die Hol-länder, um ihr Handelsmonopol zu sichern, auf den Molukken Vornahmen.H. Bokemeyer , Die Molukken S. 117 ff. 179 ff.