364 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus .
Levantekolonien im Mittelalter, für die bisher nur ganz wenig An-sätze vorhanden sind, geschrieben sein wird.
Die Bedeutung aber der Veränderungen, die durch die Ereig-nisse am Ausgang des Mittelalters hervorgerufen wurden,werden wir in folgenden Momenten zu erblicken haben. Die di-rekteVerbindung mitOstindien und die aus ihr resultierendeSteigerung des europäisch - indischen Handelsverkehrs vermehrtezwar zunächst die nach dem Osten abströmenden Mengen von Edel-metall, namentlich Silber. Silber war die gewöhnliche Ladung dervon Lissabon absegelnden Schiffe; gewöhnlich führte jede Caracca40—50 000 spanische Thaler auf königliche Rechnung zum Einkaufdes Pfeffers an Bord 1 . Ebenso mufsten die Holländer noch einengrofsen Teil ihrer ostindischen Importen mit barem Gelde bezahlen:„die Ausfuhr der übrigen Güter war nicht sehr bedeutend“ 2 * .
Aber die direkte Verbindung mit den Völkern des Ostens schufdoch auf der anderen Seite auch eine Reihe von Veranlassungen zumRückstrom der edlen Metalle. Zunächst dadurch, dafs jetzt dochüberhaupt zum erstenmal die Europäer wenigstens den Versuchmachen konnten, ihre Einfuhren mit Erzeugnissen ihres Gewerbe-fleifses zu bezahlen, was so lange ausgeschlossen war, als die Araberdie Vorhand gehabt hatten. Und es ist bekannt, dafs dieser Ver-such glückte. In wachsendem Mafse werden nach 1500 die Schund-waren Europas in Tausch gegen die Produkte des Ostens gegeben.Sodann schuf die koloniale Ansiedlung die Möglichkeit zur Tribut-erhebung, zur Plünderung und Erpressung, zu Raub und Diebstahl.Der portugiesische Governador (an der malabarischen Küste) ging, wieuns berichtet wird, seinen Untergebenen mit Betrügereien und Er-pressungen voran; die Piraten häuften Reichtiimer auf und kehrtenmit Schätzen beladen nach Portugal zurück 8 . Als Albuquerque imJahre 1511 Malakka plünderte, erbeutete er eine Million Dukaten 4 * * .Wie die Beamten der holländisch-ostindischen Compagnie stahlen,ist bekannt: ein Finanzbeamter, der 1709 starb, hinterliefs nach3—4jähriger Thätigkeit ein Vermögen von 300000 Thaler; der
1 Pyrard, Voyage P. 2. ch. 14. 15, bei F. Saalfeld, Portug . Kol., 145.
2 Nach Wurfbains, 14jähriger ostindischer Kriegs- und Oberkauf-mannsdienst (1686), 4. Saalfeld, Holland . Kol. 1, 218 f.
8 Nach Hamilton, A new account of East Indies 1,251. Beer, Gesch.des Welthandels 2, 118/19.
4 Davon erhielt der König als Quinto 200 000 Duk. Pesch el, Zeitalter
der Entdeckungen, 605. Odoardo Barbosa spricht nur von einem „Sacco
d’incredibile ricchezze in oro e mercanzie“, bei Ramusio 1, 318 D.