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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
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Vierzehntes Kapitel. Das Erwachen des Erwerbstriebes.

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Schwert und Lanze schaffen und sichern den Besitz, ein standes-gemäfses Leben sorgt für dessen zweckmäfsige Verwendung. DasErwerbsleben ist Sache des Armen. So empfand der reicheTempelherr, so empfand aber auch der edle spanische Hidalgo nochim 16. Jahrhundert, und es zeugt für die Mächtigkeit dieser An-schauungen, wenn sie aus den Kreisen des Rittertums, wie inSpanien und zum Teil in Deutschland auch auf die bürgerlichenElemente der Bevölkerung Übergriffen und diese dem Erwerbslebenentfremdeten, sobald sie reich geworden waren. Wir wissen vonden spanischen Händlern und Industriellen des 16. und 17. Jahr-hunderts, dafs sie ganz in ritterlichem Geiste sich vom Geschäfts-leben zurückzogen, sobald sie genügenden Reichtum erworbenhatten, um damit Grundbesitz kaufen und für adlig gelten zukönnen. Während andere ihr Geld den Tempeln stifteten, eszu Schmuck und Geräten verarbeiten liefsen oder in Truhenpackten, um es aufzubewahren 1 .

Es läfst sich also mit Sicherheit behaupten, dafs die specifischkapitalistische Auffassung vom Geldbesitz jene Auffassung, diein dem Worte Calvins: quis dubitat pecuniam vacuam inutile esse?ihre fertige Prägung erhält eine historisch nachfolgende Er-scheinung ist. Was aber ist es, so müssen wir also fragen, dasjenen seltsamen Gedanken reifen läfst: Geld sei dazu da, durchwirtschaftliche Thätigkeit sich zu vermehren. Was verdrängt dieritterliche Auffassung und verhilft der krämerhaft-geschäftsmäfsigenzur allgemeinen Anerkenntnis?

Was bei einer Beantwortung dieser Frage zunächst einmal fest-gestellt werden mufs, ist der Umstand, dafs wir es mit einer all-gemein menschlichen Entwicklungsthatsache hier offenbar nicht zuthun haben. Hinweise auf die menschlicheNatur und ihrinnewohnende Triebe sind völlig deplaciert. Ein Blick auf anderehohe Kulturen, die keinen specifisch kapitalistischen Geist erzeugthaben, wie die chinesische, die indische, die altamerikanische, ge-nügt, um auch in diesem Punkte die Unzulänglichkeit einer Auf-fassung zu erweisen, die die Genesis des modernen Kapitalismusalsallgemeines Entwicklungsgesetz menschlicher Wirtschaft glaubtdemonstrieren zu können.

Es handelt sich vielmehr offensichtlich um eine den europäischenVölkern eigentümliche Erscheinung. Da liegt es denn nahe, zur

1 Vgl. Jacob, Historical inquiry into tlie production and consumptionof the precious metals. Deutsch 1838. 2, 42 ff. Bonn, Spaniens Niedergang177 f., dessen Quelle hier hauptsächlich Colmeiro ist.