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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
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Vierzehntes Kapitel. Das Erwachen des Erwerbstriebes. 1

kannte Thatsache , als dafs sie des weiteren begründet zu werdenbrauchte 1 . Wenn jedoch jemand gegen diesen Erklärungsversuch(etwa unter Hinweis auf den seit dem Hochmittelalter in denitalienischen Kommunen, aber auch in den deutschen Städten des15. Jahrhunderts bei den allertreuesten Dienern der Einigen Kircheschon hochentwickelten kapitalistischen Geist) ein wenden wollte: dieprotestantischen Religionssysteme seien zunächst vielmehr Wirkungals Ursache des modern-kapitalistischen Geistes, so wird man ihmschwer die Irrtümlichkeit seiner Auffassung darthun können, es seidenn mit Hilfe eines empirischen Nachweises konkret-histori-scher Zusammenhänge, auf welche wir also immer wiederhingewiesen werden, sobald wir auch nur einigermafsen be-friedigenden Aufschlufs über die Entstehung des modernen Kapita-lismus gewinnen wollen.

Diese Zusammenhänge sehe ich aber etwa so.

Eine Reihe von Umständen trägt dazu bei, dafs während deseuropäischen Mittelalters die Wertung des Geldbesitzes anIntensität zunimmt und die Grenzen überschreitet, in denen sie sichsonst zu bewegen pflegt. Denn dafs überall, wo wir hinblicken,dem Menschen die sehnende Sucht nach dem glänzend gleifsnerischenGolde innewohnt, ist eine jedermann vertraute Erscheinung. Ganzprimitive Kulturen sehen wir erfüllt mit diesem Sehnen, das sichzu Sagen und Thaten von wunderbaren Schätzen und kühnen gold-suchenden Abenteurern zu verdichten die Neigung hat. ImArgonautenzuge, in der Midassage, im Lied vom Ring der Nibe-lungen, in der Wundermär vom Dorado, überall kehren dieselbenGefühlsäufserungen und Gedankengänge wieder, überall sehen wirdie Menschheit von einem unstillbaren Drange nach dem Besitzjenes unheilschwangeren Gutes erfüllt, das die Menschen lockt, umsie zu verderben.Nach Golde drängt, am Golde hängt dochalles.

Dieses Goldfleber, mit dem, wie es fast scheinen will, die Mensch-heit konstitutionell behaftet ist, nimmt nun aber zu bestimmten Zeiteneinen akuten Charakter an. Eine solche Zeit war das ausgehendeMittelalter. Um dafür die Gründe .einzusehen, müssen wir uns der

1Wer den Spuren kapitalistischer Entwicklung nachgeht, in welchemLande Europas es auch sei, immer wird sich dieselbe Thatsache aufdrängen:die calvinistische Diaspora ist zugleich die Pflanzschule der Kapitalwirtschaft.Die Spanier drückten sie mit bitterer Resignation dahin aus: die Ketzereibefördert den Handelsgeist. Gothein, Wirtschaftsgeschichte des Schwarz-waldes 1, 674.