416 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus.
vollzieht, um ebensoviele Jahrhunderte in ihrer freien Entfaltunggehemmt. Denn es ist klar, dafs jede Machtverschiebung für dasunterliegende Land ebenso Zerstörung oder wenigstens Hemmungbedeutet, wie Förderung für das obsiegende.
Auch die Verschiebung der Welthandelsbeziehungen hatstörend gewirkt. Was in Italien an kapitalistischem Wesen währenddreier Jahrhunderte erblüht war, beginnt nun abzusterben, seit derKolonialbesitz im Orient verloren geht. Während sich neue Keimein Spanien und Portugal zeigen, die zum Teil mit Hilfe italienischenKapitals (Genua ) zur Entwicklung gebracht werden. Kaum aberbeginnt der Kapitalismus auf der Pyrenäenhalbinsel Boden zu fassen,so stürzt sich ein Haufen fremder Staaten auf das Kindlein, umes zu erwürgen. Was nicht auf soi disant friedlichem Wege erreichtwird, sucht man mit der offenen Gewalt zu erzwingen. Was1556—1559 den Franzosen mifslingt, glückt den Niederländern inihrem „Befreiungskriege“ (1568—1648): Spaniens Kolonialmacht,seine Welthandelssuprematie ist gebrochen, die Entwicklung seinesnationalen Wirtschaftslebens zum Stillstand gebracht; der Kapitalis-mus siedelt in die Niederlande über. Kaum hier angelangt, be-gegnet er sofort wieder neidischen Nachbarn, die seiner gesundenEntwicklung mit scheelen Augen Zusehen; Cromwell eröffnet denKampf mit den Niederlanden: 1651 Navigationsakte, 1652—1654Handelskrieg. Mit England verbündet kämpfen 1672—1678 Frank-reich und Schweden gegen die aufblühenden Niederlande. Dannwird eine Zeit lang Frankreich das führende kapitalistische Land;einen Augenblick scheint es, als ob sich der französische Handelmit dem spanischen Kolonialbesitz vereinigen wolle. Aber schonerscheinen die Neider: Deutschland, Holland, England führen 1688—1697 den Koalitionskrieg gemeinsam gegen das mächtig aufstrebendeFrankreich, dem im spanischen Erbfolgekriege (1701—1714) Holland und England den Erwerb der spanischen Kolonien mit Erfolg streitigmachen. Endlich ringen als letztes undstärktes Paar mit einanderFrankreich und England (1756—1763). England geht als Sieger ausdiesem Kampfe hervor und begründet damit seine Suprematie aufdem Weltmärkte. Es beginnt nun für England eine Zeit ruhigerSammlung, die es benutzt, um die Ansätze des Kapitalismus zumächtiger Entfaltung zu bringen. Noch einmal Störung währendder napoleonischen Zeit. Dann eröffnet sich für alle europäischenStaaten eine Periode des Friedens 1 , und wer überhaupt noch einige