Siebzehntes Kapitel. Hemmungen der kapitalistischen Entwicklung. 417
wirtschaftliche Kraft aus der allgemeinen Katzbalgerei gerettet hat,entwickelt nun das kapitalistische Wirtschaftssystem zu rascher Blüte:die frühkapitalistische Epoche beginnt in die hochkapitalistischeüberzugehen.
Deutschland hat in jenen Jahrhunderten, in denen ein Staatdem andern den Brocken abjagte, sein eigentümliches Schicksalgehabt. Niemand hat ihm seine wirtschaftlichen Erfolge streitig ge-macht, dafür hat es aus sich heraus hinreichend starke Hemmungendes ökonomischen Fortschritts erzeugt. Entscheidend für dieWeiterentwicklung des Kapitalismus in Deutschland war vor allemdas plötzliche Versiegen der Edelmetallproduktion um die Mitte des16. Jahrhunderts. Ihm zugesellt sind die mannigfachen Fehden, mitdenen sein Inneres zerfleischt wird. Roscher hat gewifs recht,wenn er annimmt *, dafs die Blüte wirtschaftlichen Aufschwungs inDeutschland schon geknickt war, ehe die Greuel des dreifsig-jährigen Krieges das Land heimzusuchen begannen.
Der zweite Komplex von Hemmungen der kapitalistischen Ent-wicklung ist, wie wir bereits feststellten, populationistischerNatur. Eine Betrachtung der Bevölkerungsbewegung in frühkapita-listischer Zeit ergiebt zunächst ein immer noch beträchtlich lang-sameres Anwachsen der Gesamtbevölkerung als heute. Was, wiewir sahen, das Mittelalter charakterisiert, findet sich auch in früh-kapitalistischer Zeit noch am Platze: Vernichtung grofser Bevölkerungs-massen dui'ch Plungersnöte, Seuchen, Kriege. Die letzte Hungers-not hat West-Europa im Jahre 1847 heimgesucht. Die Pest hatbis ins 18. Jahrhundert hinein periodisch ihre Opfer gefordert ineiner Härte, mit der verglichen das Auftreten ihrer jüngeren Schwester— der Cholera — milde genannt zu werden verdient.
Es war dasselbe furchtbare Dilemma geblieben: entweder dieVölker sahen ihre Reihen durch die Pest gelichtet, oder — esbrachen Hungersnöte aus. In seinem Bericht über die grofse Teue-rung von 1483 sagt Stolle in der Thüringisch-Erfurtischen Chronik191: „es war auch zu der Zeit sehr viel Volks“, weil seit 20 Jahren keinrechtes Sterben gewesen war. „Die viele sterbunge und pestilenzien“,sagt „Eyn cristlich ermanung“ im Jahre 1503, „sint eine grofse strafe
verringert hat. Sie bezifferte sieh 1817 auf 848 282 000 £, 1898 auf 634 436 000 £.Nach den Zusammenstellungen bei Conrad, Grundrifs zum Studium der pol.Ökon. 3. Teil. § 86.
1 Koscher, Die deutsche Nationalökonomik an der Grenzscheide des16. und 17. Jahrhunderts, Bd. IV der Abli. der pbilol.-histor. Klasse der Kgl.Sachs. Ges. der Wissenschaften, Nr. 3. Auch separat erschienen. 1862.