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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
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Neunzehntes Kapitel. Das vorkapitalistische Gewerbewesen. 430

Qualitäten entwirrt, in lange und kurze Riester und den Kuder.Ursprünglich wurden alle drei Qualitäten des Winters in denBauernhäusern versponnen: doch wird schon seit langer Zeit derbei weitem meiste Kuder das ist der grobe Abfall in eineRavensbuiger Fabrik geschickt, um dort versponnen oder auchverwebt zu werden. Das gesponnene Garn wird dann dem Webergebracht, der dann je nach der Qualität und Mischung (Hanf,Flachs, Wolle, jetzt kommt auch noch Baumwolle hinzu) aus denGarnen verschiedene feine Stoffe herstellt. Wie wenig aber dieserWeber im modernen Sinne Handwerker ist, geht daraus hervor,dafs er für jede Qualität, mag sie nun viel oder wenig Mühemachen, gleich viel bezahlt erhält; der Webelohn wird ein für alle-mal ellenweise berechnet. Früher wurde sämtlicher Bedarf anKleidungsstoff und Leinenzeug bei den Webern innerhalb desBezirks gewebt: nur die eigentliche Tuchweberei wurde nicht imBezirk, sondern von den Tuchwebern in Villingen oder Eichhaldenausgeübt.

Bei den Webern wurde gefertigt Hosenstoff (Zwillich), halb-wollenes feines Tuch für Trauersachen (Wiefel), weifses grobes Bett-zeug (langes und kurzes Tuch), feineres Bett- und Küchenzeug(Drillich) und gestreiftes Zeug für Tischdecken, Bettdecken u. s. w.(Kölsch). Von diesen Stoffen konnten einige unmittelbar durchden Schneider oder auch durch die Bäuerin verarbeitet werden.

Noch völlig in die Dorfgemeinschaft eingegliedert aber sinddiejenigen beiden selbständigen Handwerker, die man alsLandhandwerker xocr el-oxyv bezeichnen kann: Schmied und Stell-macher. Sie liefern dem Bauern den Bedarf an Wirtschaftsgeräten,reparieren seine Wagen, Pflüge, Eggen, Walzen 1 die fast allenoch aus Holz hergestellt sind und der Schmied beschlägt seine

1 Selbstverständlich besorgte der Bauer einen grofsen Teil der Reparatur,und wohl auch Neuarbeiten selbst. Noch heute finden wir in vielen Gegen-den sog. Werkstuben auf den Bauernhöfen, die mit allem möglichen Hand-werkszeug, z. T. seihst mit einer Drehbank ausgerüstet sind, in denen frühereine lebhafte Thätigkeit herrschte. Vgl. z. B. für das Erzgebirge U. V, 13.Die meisten Bauern sind auch Schmiede, berichtet uns vom TrierschenA. von Lengerke in seinen Skizzen von Rheinpreufsen (1853) S. 188.Der Hofschulze aber bei Immermann meint:Ein Narr, der dem Schmied

giebt, was er selbst verdienen kann. Nach diesem kernigen Ausspruchnahm er den Ambofs (auf dem er eben die grofsen Radnägcl geschmiedethatte) . . und trug ihn nebst Hammerund Zange unter einen kleinen Schuppenzwischen Wohnhaus und Scheuer, in welchem Hobelbank, Säge und Stemm-eisen und was sonst zu Zimmer- und Schreinergewerk gehört, bei Holz und