Neunzehntes Kapitel. Das vorkapitalistische Gewerbewesen. 441
bezw. der Pferdezahl ein für allemal festgesetzt; jedoch ist einescharfe mathematische Berechnung der Anteile nicht üblich; vielmehrsind diese mehr schätzungsweise bemessen.“
Dieser Gemeindeschmied in Nakel knüpft das Band historischerTradition zwischen der Gegenwart und den Zeiten des Rigveda.Er ist der echte Typus des in den Dorfverband eingegliedertengewerblichen Arbeiters. Er lehrt uns die alte Dorfwirtschaft alsProduktionseinheit verstehen.
Was nun endlich noch allen Dorfhandwerks Eigenart bildet,ist seine eigene engeVerschlingung mit der Landwirtschaft.Es sind Zwitterbildungen, diese gewerblichen Einzelarbeiter in denDörfern alten Stils, zwischen Handwerkern und Landwirten, die oftselbst nicht wissen, ob sie sich dem einen oder andern Berufe zu-teilen sollen. Wir werden Gelegenheit haben, noch ihre nähereBekanntschaft zu machen, wo wir uns über ihre Erhaltung in derGegenwart zu unterrichten haben 1 .
An dieser Stelle war mir nur darum zu thun, die Eigenart desalten bäuerlichen Gewerbewesens in seiner Ganzheit zu schildern:Eigenproduktion mit angegliedertem Lohnhandwerk 2 ist das specifisc.heCharakteristikum, das wir herausgefunden hatten. Zur Vervoll-ständigung des Bildes 3 mag noch der Hinweis dienen, dafs jenerkleine Bestbedarf an gewerblichen Erzeugnissen, den unser Baueralten Stils nicht in der angegebenen Weise deckte, entweder be-friedigt -wurde durch den Besuch der um jene Zeit noch in vollerBlüte stehenden Jahrmärkte in den benachbarten Städten oderdurch die ebenfalls zahlreichen Hausierer. Aufser einzelnen Ge-räten, Gefäfsen, Kleidungsstücken etc. scheint es vor allem ein sehrwichtiger Gebrauchsgegenstand gewesen zu sein, der schon vielfachnicht mehr in der eigenen Wirtschaft des Bauern hergestellt, jaauch nicht mehr auf Bestellung beim Gevatter Handwerker be-schafft, sondern in gröfserem Umfange fertig vom Hausierer oderauf dem Jahrmarkt in der Stadt gekauft wurde: das Schuh-werk.
Wir haben dafür zunächst das Zeugnis guter Schilderen des
1 Vgl. die Ausführungen im 27. Kapitel.
2 „Metzger, Schreiner und Zimmerleute, Schuhmacher und Schneider sind,wie in anderen Schwarzwaldbezirken, so auch im Gebiete der Gutacher Tracht,nie etwas anderes gewesen als „gelernte Tagelöhner“ “ (U. VIII, 125).
3 Für „drei Dörfer der badischen Hard“ vgl. die die obige Darstellung be-stätigende hübsche Schilderung bei Dr. M. Hecht, Drei Dörfer der bad. H.1895. S. 57/58.