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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
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445
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Neunzehntes Kapitel. Das vorkapitalistische Gewerbewesen. 445

B. Die Stadt.

In den Städten ist der Sitz des selbständigen Handwerks, fürdie 1860er Jahre meinte Schmoller 1 schon und wohl mit Recht:in den Kleinstädten; für die Zeit, die wir im Auge haben, in denStädten überhaupt. Denn was an nicht handwerksmäfsiger Bedarfs-befriedigung in dengrofsen Städten der 1840er Jahre sich voll-zog, war sicher kaum der Rede wert. Hier und da ein Herren-garderobegeschäft 2 , ein Quincailleriewarenladen 3 , in denen ver-lagsmäfsig her gestellte Waren feil gehalten wurden; sonstauch in den Grofsstädten kleine Läden mit wenigen fertigen Er-zeugnissen, in denen der Meister die Bestellungen seiner Kundenentgegennimmt.

Mehr noch, zumal in Kleinstädten, mochte um jene Zeit dieauch in städtischen Wirtschaften immerhin noch in gröfserem Um-fange verbreitete hausgewerbliche Eigenproduktion demHandwerker Abbruch thun.

Der Brot- und namentlich Kuchenteig wurde gewifs noch inzahlreichen Familien zu Hause hergestellt und nur dem Bäckergegen Lohn zum Verbacken übergeben. Auch die Hausschlächtereiwar bis in die besser gestellten Kreise gröfserer Städte hineindurchaus noch nicht aus der Mode gekommen:für den wohl-habenden Mittelstand, erzählt uns Hoffmann 4 ,ist die Teuerungdes Fleisches in den Schlächterläden nur eine Veranlassung, fürden eigenen Bedarf einzuschlachten und sich häufiger der gesalzenenund geräucherten Fleichspeisen zu bedienen. Dann aber kam dergrofse Kreis der Zuspeisen, die man in eigener Regie herstellteund in den Kellern undSpeisekammern aufstapelte: das Ein-gepökelte füllte die grofsen Fässer in den Kellern, das Eingemachtedie Kruken in den Kammern. Über eine nur wenig frühere Zeitberichtet uns Otto Bähr in seinem hübschen Büchlein 5 6 , dafs in

1 Schmoller, Kleingewerbe, 278.

- Für Berlin vgl. H. Grandke, Entstehung der Berliner Wäscheindustrie,a. a. O. S. 246 f.

3 Schon Chodowiecki war in einem solchen beschäftigt.

4 Hoffmann, Befugnis, 288. In einer Stadt wie Saalfeld wurdenallerdings in den 1820er Jahren, also einige Zeit vor unserer PeriodeSchweine: bei den Fleischern 2690, im Hause 1773; Rinder: bei den Fleischern 552,im Hause 393 geschlachtet; U. IX, 263. Die Fleischerinnung klagte dennauch:der Verkauf des Fleisches ist in hiesiger Stadt unbeträchtlich, weil

die Bürger Rinder und Schweine einzuschlachten pflegen. Ebenda S. 561.

6 Otto Bähr , Eine deutsche Stadt vor 60 Jahren. 1886. S. 59.