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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
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446
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446 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus .

Kassel viele Bewohner ein Gärtchen vor den Thoren hatten, indenen der nötige Bedarf an Gemüsen, Früchten, Beeren selbst ge-zogen wurde. Noch hantiert auch die städtische Hausfrau in derKüche, um Seife zu kochen, Lichte zu ziehen, Hausmuff zu brauen.

Aber auch die Kleidung und die Hausgeräte entstandenvor einem halben Jahrhundert noch zum grofsen Teile in dereigenen Wirtschaft. Bekannt ist die anschauliche Schilderung, dieKiesselbach 1 in seinem AufsatzeDrei Generationen über dasTreiben in einemstädtischen Bürger- oder Beamtenhause derguten alten Zeit entwirft.

Die Spindel, heifst es da,war noch immer das Symbol derHausfrau; selbstgesponnenes Linnen zu tragen, war Ehre undStolz 2 ; eine heilsame Sitte war es, dafs in allen Kreisen die Jung-frau nicht für eigentlich berechtigt galt, zur Ehe zu schreiten, ehesie die Aussteuer aus selbstgesponnener Leinwand beschaffen konnte.Dem Weber des Hauses wurde das Garn überliefert, er hatte dieLeinwand zu fertigen; für die Bleiche sorgte wiederum die Haus-frau. Aber nicht nur an Leinwand, auch an Tuch, selbst an Lederhielt man eigene, sorgfältig bereitete und gewählte Vorräte; dieSchränke mufsten vollgefüllt sein. Das Weifszeug, die Kleider, dieBeschuhung (?) selbst wurden im Hause gefertigt; der Schneider,der Schuster kam dazu als technischer Gehilfe. Auch Polsterwarenund Betten entstanden in ähnlicher Weise. Von selbstgeschlachtetemGeflügel wurden die Federn durch eine Schar eigens sich hierzuvermietender Weiber ausgelesen; das Rofshaar wurde sorgfältiggereinigt; der Polsterarbeiter mehr als jeder andere mufste unterdem Auge der Hausfrau arbeiten, damit die Füllung der Bettsäcke,der Matratzen, der Sophas sicher mit dem gewählten Material undunter gewünschter Menge erfolgte 3 .

Mag hier auch der Kreis der hausgewerblichen Eigenproduktionwenigstens für die rein städtische Wirtschaft um die Mitte des19. Jahrhunderts in Deutschland etwas zu weit gefafst sein: sicherist, dafs ein beträchtlicher Teil des gewerblichen Lebens sich auchin den Städten noch im Rahmen der Familie abspielte. Man warim ganzen noch mehr an die Selbstherstellung gewöhnt; man

1 Deutsche Vierteljahrsschrift 1860. 3. Heft. S. 157.

2 Vgl. neuerdings H. Grandke, a. a. 0. S. 240 f.

3Die Ausführung der Polsterarbeiten geschah früher fast ausschliefs-lich auf Bestellung in Lohnwerk. Der Kunde nahm den Tapezier ins Haus,lieferte ihm Polstermaterial und Überzüge . . . und liefs nun unter seinerAufsicht die Arbeit ausführen. U. V, 354.