Neunzehntes Kapitel. Das vorkapitalistische Gewerbewesen. 447
suchte so viel als möglich in eigener Regie zu erledigen. „Über-haupt wurde nicht bei jeder Gelegenheit zu einem Handwerker ge-schickt 1 .“ Man wollte noch möglichst viel selbst machen; mankonnte es aber auch, denn die ganze Einrichtung des Lebens wareinfacher. „Zum Aufstecken der Vorhänge kam nicht leicht einTapezierer ins Haus. Das besorgte die Hausfrau selbst.“ (Bähr,a. a. 0.) Schon gut. Aber wer kanu unsere Portieren und „Über-gardinen“ heutzutage anders zu kühnen Segeln reffen als der zumunverständigen „Kunsthandwerker“ verbildete Tapezierer von Fach?
Und nun wollen wir aus der häuslichen Wirtschaft der ein-zelnen Familien in die Läden und Produktionsstätten der wichtig-sten Handwerker treten, bei denen der übrige Bedarf an ge-werblichen Erzeugnissen gedeckt werden mufste. Auch hierbeginnen wir wieder mit dem Nahrungsbedarf und seiner Befriedigung,vornehmlich durch Bäcker und Fleischer.
I. Ernährungshandwerke.
Die Bäckerei, ein uraltes, fast allerorts zünftiges Handwerk,hatte sich fast ohne eine nennenswerte Änderung, sei es in derProduktionstechnik, sei es in den Absatzbedingungen, sechs Jahr-hunderte in den deutschen Städten erhalten. Wo in den 1840erJahren noch die alte Zunftordnung besteht, ruht das Bäckergewerbenoch auf den ehrwürdigen „Gerechtsamen “ mit ihren strengen Ver-bietungsrechten, namentlich gegen Lebkuchen- etc. Bäcker, Kon-ditoren und dergl. Erscheinung der neueren Zeit. Die Folge davonist ein lebhafter Kampf gegen derart Eindringlinge, wie er uns an-schaulich, z. B. für Leipzig , erzählt worden ist 2 . Langsam nursetzt sich das Konditorgewerbe neben dem alten Bäcker-gewerbe fest. Seine ersten, schüchternen Anfänge fallen fürLeipzig in die 1830er und 1840er Jahre; erst „von 1849 anläfst sich ein rascheres Anwachsen der Konditoreien verfolgen“ 3 .So schaltete das ehrsame Bäckerhandwerk noch fast unbeschränkt;hier und da nur von der Konkurrenz der Landbrotbäcker unliebsambelästigt 4 , andernorts die Wochen- und Jahrmärkte der benach-barten Flecken ebenfalls beherrschend.
Der Absatz erfolgt direkt an die Konsumenten, ohne das Da-zwischentreten von Materialwarenhandlungen und dergl., und zwar
1 Bähr, a. a. 0. S. 31.
2 U. II, 365/66.
3 U. II, 349.