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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
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Neunzehntes Kapitel. Das vorkapitalistische Gewerbewesen. 459

industrie zusammenzufassen: es sind Spinnerei, Weberei, Färbereivornehmlich, die hier in Betracht kommen. Sie bieten uns jedochan dieser Stelle zu keinerlei ausführlichen Erörterungen Anlafs,weil es Gewerbezweige sind, deren handwerksmäfsige Organisationschon um die Mitte des 19. Jahrhunderts so gut wie vernichtetwar. Es ist bekannt, welchen breiten Raum Schmoller in seinemBuche diesen altehrwürdigen und wichtigen Gewerben einräumt: esentspricht diese Wertbeimessung durchaus der Zeit, in der Schmollerschrieb. Er damals stand der handwerksmäfsigen Textilindustrieetwa ebenso gegenüber wie wir dem gesamten übrigen Handwerk.Er hat in erschöpfender Weise ihren Untergang geschildert.

An die Arbeit des Webers schliefst sich den Ausdruck imweitesten Sinne angewandt die Schneiderei. Wir könnengenauer drei Arten von Schneiderei unterscheiden: 1. Kleider-schneiderei, 2. Wäscheschneiderei; 3. Schneiderei kleinerer Toiletten-stücke wie Hauben, Kravatten etc. Was nun zunächst die beidenletzten Gebiete der Schneiderei anbelangt, so werden sie dadurchcharakterisiert, dafs sie wohl niemals in irgend wie erheblicher Aus-dehnung handwerksmäfsig betrieben worden sind. Die einzigenhierher gehörigen Gewerbetreibenden wären die Pfaidler, derenThätigkeit in Wien in der Anfertigung hauptsächlich vonVisier-,Bund-, Schlepp- und anderen Modehauben von verschiedenen Zeugen,Kinderhauben, Fallbändern, Hosenträgern, Brustflecken, Stutzein undallerlei Käppchen, weifs und schwarz gekrausten Hauben, Schöpfenund Frauenhauben bestand 1 . Aber wie unbedeutend ihr Arbeits-gebiet gewesen sein mufs, geht aus der geringen Zahl von Ange-hörigen des Pfaidler- und Pfaidlerinnengewerbes deutlich genughervor 2 . Der Grund des Fehlens ausgedehnter Wäscheschneider-handwerke liegt natürlich in der bis in die neuere Zeit aufrecht er-haltenen Sitte hausgewerblicher Herrichtung von Wäschegegen-ständen. Dafs diese noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts dieRegel bildete, wurde oben bereits erwähnt.

Von der Kleiderschneiderei gehört bis zu einem gewissenGrade die Damenkleideranfertigung ebenfalls zu denjenigen Gewerben,die am längsten im Rahmen der Familienwirtschaft, unter Zuhilfe-nahme einer Schneiderin, ihr Dasein gefristet haben und auchheute noch fristen. Sodafs den eigentlichen Kern der handwerks-

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2 In Wien war im achtzehnten Jahrhundert ihre Zahl auf 12 beschränkt:a. a. 0. S. 76.