Neunzehntes Kapitel. Das vorkapitalistische Gewerbewesen. 4(37
IV. Gerätschaftsliandwerke 1 .
Ich will hier die Verhältnisse der Möbeltischlerei, Bött-cherei, Drechslerei, Gerätschaftsklempnerei, Uhr-mac h e r e i und Buchbinderei als der wichtigsten „Gerätschafts-handwerke“ kurz besprechen.
Dafs die Möbeltischlerei in Deutschland um die Mitte desJahrhunderts bereits ansehnliche Anfänge kapitalistischer Entwick-lung aufwies, unterliegt keinem Zweifel. Wir hören schon ausden 1840er Jahren Klagen über zunehmende „Magazinhörigkeit“der Meister 2 3 und die Handwerkerkongresse richten eine ihrerHauptangriffe gegen das Verlagssystem in der Tischlerei 8 .Durch dieses Verlagssystem, führte bereits der damalige Grafvon Bismarck 4 * in der 2. preufsischen Kammer aus, seien „dieseMöbel ... bis zu einem solchen Preise herabgedrückt . . , dafssie selbst dem Unvermögenden erschwingbar erscheinen“. Undneben dem Möbelverlag die grofse Möbelfabrik: finden wir dochauf der Gewerbeausstellung zu Wien im Jahre 1845 unter den Aus-stellern einen Kunsttischler aus Wien , der 20 Arbeiter beschäftigt,eine Möbelfabrik aus Prag mit 48 Arbeitern, eine Parkettfabrik ausPloss mit 70, eine Galanterietischlerei aus Prag mit 48, eine Möbel-fabrik ebendaher mit 100 Arbeitern u. s. w. 6 *
Abermals aber sei Vorsicht angeraten: Leider sind wir ja —
1 Unter dieser Bezeichnung darf ich wohl, ohne der deutschen Spracheallzugrofse Gewalt anzuthun, die sämtlichen Gewerbe zusammenfassen, dienicht zur Gruppe der Ernährungs-, Bekleidungs- oder Bauhandwerke gehören.Man drückt so wenigstens auch einigermafsen richtig ihre Beziehung aufeinen bestimmten Bedürfniskreis aus und vermeidet die entsetzliche üblicheSystematik, die das Kriterium der Einteilung halb der Zwecksetzung, halbdem Material entnimmt, das die Handwerke verarbeiten. Eine Aufzählung:1. Nahrungsmittelgewerbe, 2. Bekleidungsgewerbe, 3. Baugewerbe, 4. Holz-verarbeitende Gewerbe u. s. w. erzeugt in mir die Empfindung, als ob ich heimEssen auf einen Stein beifse.
2 Hoffmann, Befugnis, 396.
3 Verhandlungen des 1. deutschen Handwerker- und GewerbekongressesDarmstadt 1848), 77. Protokoll des cit. schlesischen Handwerkertages, 13 f.Vgl. auch F. Daei, Uber Associationen im Gewerbewesen etc. S.-A. ausEau-Hanssen, Archiv der pol. Ökon. (1848), 3 ff.
4 Reden vom 18. und 19. Febr. 1849: „Fürst Bismarck als Redner“ Coli.
Spemann 1 , 93.
6 Bericht über die 3. allgemeine österreichische Gewerbeausstellung in
Wien 1845. (1846.) 2, 750—763. Ich führe diese Beispiele aus Österreich an,
weil sie aus einem wirtschaftlich sicherlich noch tieferstehenden Lande alsDeutschland stammen.
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