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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
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469
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Neunzehntes Kapitel. Das vorkapitalistische Gewerbewesen. 4(j9

es sind die 1840er Jahre ja die Zeit, aus der die Horreurs vonEinrichtungen unserer Eltern stammen. Abgesehen von einigenOasen des Geschmacks so scheint Mainz seine alten Traditionenauch durch diese infam nüchterne Zeit hindurch bewahrt zu haben 1 schaute es in den deutschen Tischlerwerkstätten jener Zeit wüst undleer aus. Dafs S c h i n k e 1 s Entwürfe für Möbeltischlerei, von denenein so grofses Aufhebens gemacht wurde, erfolglos blieben, ist nurallzu bekannt 2 . Wenn der Berichterstatter über die Allgemeinedeutsche Gewerbeausstellung in Berlin 1844 das Gegenteil behauptete,dafs sich nämlichdurch des unsterblichen Schinkels Vorgang dieTischlerei hinsichtlich des Geschmacks in den Formen ungemeingehoben habe 3 , so beweist er damit ebenso sehr seine Verkennungder thatsächlichen Verhältnisse wie sein Kollege Neukraut 4 durchdie Behauptung, die deutsche Möbeltischlerei habe in den letztenDecennienauch in Hinsicht der Formen einen so aufserordentlichenAufschwung genommen, dafs sich im einzelnen wohl nicht ein höhererGrad der Vollendung denken läfst. (!) Kann der bejammernswerteTiefstand der damaligenKunsttischlerei in Deutschland schlagendererwiesen werden, als durch die ridikule Thatsache, dafs auf dererwähnten Ausstellung unter den Prachtstücken sich auch z. B. einArmlehnstuhl mit Musikwerk (!) befand 5 6 ?!

Die Böttcherei, das Gewerbe, das hölzerne Hohlgeräte an-fertigt, in Stiddeutschland in Küferei (Fafsmacherei und Keller-arbeit) und Kühlerei (Anfertigung von Gefäfsen aus weichem Holz)geschieden, stand um die Mitte des 19. Jahrhunderts noch auf derHöhe ihres Daseins, als vielbegehrtes Handwerk. Dem damaligenDeutschland mit seinem Holzreichtum und seinen hölzernen Sittenentsprach so recht die Blüte der Böttcherei. Allerorts war dasHolzgefäfs in Gebrauch.

1 U. III, 297 f. Jedoch wird für Mainz ausdrücklich konstatiert, dafsbis zu Anfang der 1840er Jahre die Produktion lediglich für den lokalen Be-darf betrieben wurde: a. a. O. S. 298.

2 Vgl. z. B. E. Groth, Das Kunstgewerbe als Nährquelle für das Hand-werk. Kunstgewerbeblatt VI (1895) S. 151:Schinkels Anregungen bleibendamals seltsamerweise ohne Einflufs auf die Entwicklung des deutschen Hand-werks. Dafs Schinkels Entwürfe selber einem gebildeten Geschmack nichtgenügen können, mag nur nebenbei erwähnt werden.

3 Amtlicher Bericht 3 (1846), 93 über die allg. deutsche Gew. Aus-stellung in Berlin im Jahre 1844.

4 ln seinemAusführlichen Bericht über die allgemeine Gewerbeausstel-

lung S. 537 f.

6 Amtl. Bericht 3, 95. Vgl. übrigens in diesem Werke Bd. II S. 293 ff.