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Strebungen. So wissen wir, dafs sie erst sich verselbständigen,nachdem ihr Versuch, gemeinsam mit den Meistern in eine Bewe-gung einzutreten, gescheitert ist. Was sie dann aber selbst er-kämpfen, ist im wesentlichen gar nichts anderes als das Wohlergehendes Handwerks und eine Besserung ihrer Stellung im Handwerk.Sie fühlen sich noch durchaus als Glieder des Handwerks undkämpfen selbst für dessen Existenz. Ich habe an anderer Stelledarauf hingewiesen, wie die deutsche Bewegung von 1848 in ihrerUnterströmung gerade durch das Dominieren des handwerksmäfsigenGesellentums gekennzeichnet wird, was bei der geringen Entwicklungdes Proletariats ja ganz selbstverständlich war.
In welchem Umfange die charakteristische Arbeitsgemein-schaft des Handwerks in den 1840er Jahren noch äufserlicb zumAusdruck kam, durch die Angliederung der Gehilfen an die Haus-gemeinschaft des Meisters, läfst sich leider nicht feststellen. Ich kennewenigstens allgemein statistische Nachrichten über diesen Punkt erst ausden 1860er Jahren. Ich glaube aber, dafs man noch in sehr weitemUmfange ein Zusammenleben des Gesellen mit der Meisterfamilie undeine durchgängige Eingliederung selbstverständlich des Lehrlings indie Familiengemeinschaft des Meisters für jene Zeit annehmen mufs.Darauf lassen die noch heute sehr beträchtlichen Reste jener Sitteschliefsen — ich komme in anderem Zusammenhänge darauf zurück— das scheint mir aber auch aus einer richtigen Würdigung ge-legentlicher früherer Berichte hervorzugehen. Wenn z. B. Regie-rungsrat Mülmann um die Mitte der 1860er Jahre darüber klagt 1 ,dafs in der Rheinprovinz die „alte patriarchalische Sitte, die Ge-werbsgehilfen als zum Hausstand des Meisters gehörig zu be-trachten“, fast nirgendwo mehr besteht, so müssen wir berücksich-tigen, dafs er zwanzig Jahre später nach Jahren revolutionärerEntwicklung für den fortgeschrittensten deutschen Industriebezirkschreibt. Also ist es sehr wahrscheinlich, dafs ein Menschenalterfrüher selbst in diesem noch, in weniger entwickelten TeilenDeutschlands aber auch selbst in den 1860er Jahren, jene „altepatriarchalische Sitte“ noch bestand. Denn würde er sonst überihr Verschwinden so akut klagen? Sein Kollege Jaco b i berichtetfür den Regierungsbezirk Arnsberg Mitte der 1850er Jahre nochohne Einschränkung: „Wohnung und Kost pflegen die Gesellen. . .vom Meister zu erhalten, eine Ausnahme hiervon machen anmehreren Orten hauptsächlich die Baugesellen . . . Auf dem Lande
1 Statistik des Reg.-Bez. Düsseldorf II, 2, 491—93.