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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
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489
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Einundzwanzigstes Kapitel. Fälle indirekt. Abhängigkeit v. Kapital. 489

besitzen, nutzen sie zuweilen aus, um kleine Fleischer ihrem Willenzu unterwerfen. So in Leipzig . Hier drückt der Händler denkapitallosen Fleischer (wie er auf der anderen Seite vom reichenFleischer selbst gedrückt wird!).Es soll mit einigen (sc. Fleischern)so weit gekommen sein, dafs sie nur schlachten können, wenn esdem Händler beliebt. Kommen diese Ärmsten auf den Markt, soweist ihnen der Händler einige Stück Vieh mit dem Bemerken zu:Diese habe ich für dich aufgehoben. Der Preis wird einfachvom Händler festgesetzt. (U. VI, 72.) Dasselbe wird von Berlin berichtet, wo in Jahren billiger Fleischpreise kapitalunkräftige, ge-schäftsunfähige Fleischereien auf den Kredit der Kommissionäre hinw'ie Pilze aus der Erde schiefsen, um durch eine ungünstige Kon-junktur dann wieder zusammenzubrechen h Während jedoch diegeschilderte Gestaltung der Kleinbäckerei eine typische Erscheinungdieses Gewerbes ist und vor allem die Betriebsverhältnisse starkbeeinflufst, wandelt die Organisation der Fleischerei, wie wir nochsehen werden, im allgemeinen andere Bahnen 1 2 3 .

Das gilt auch im grofsen Ganzen für die Schlosserei,obwohl uns auch in diesem Gewerbe vereinzelt ganz analogeAbhängigkeitsverhältnisse berichtet werden, wie wir sie für dieBäckerei kennen gelernt haben. So sollen Nürnberger Eisen-handlungen im Kreditgewähren so weit gehen, dafs sie selbstsolchen bereitwillig Werkzeuge und Material zur Verfügungstellen, die ihnen nicht die geringste Garantie bieten (U. IH, 472/73).Dafs schliefslich häufig die entgegenkommenden Handlungen ge-

1 Levy von Halle, Die Berliner Fleisehpreise im letzten Jahrzehnt und

die Reform des Vieh- und Fleischhandels in S chm oll er s Jahrb. etc. XVI (1892),S. 721. In Wien, wo früher ähnliche Verhältnisse herrschten, ist durch die Er-richtung einer Kreditkasse eine Lostrennung des Kreditgeschäfts von der Ver-mittlung erfolgt und damit jene Kapitalhörigkeit für die kleinen Fleischerbeseitigt. Vgl. R. Riedl, Der Wiener Schlachtviehhandel in seiner geschiclitl.Entwicklung; in Schmollers Jahrhuch XVII (1893), S. 855 f., 871 ff.

3 Ebenfalls scheint es mir kein typischer Fall zu sein, der aus dem DorfeUnseburg in der Prov. Sachsen berichtet wird. Der Vollständigkeit halbermag aber doch seiner hier Erwähnung geschehen. In Unseburg hat nämlichdas dortige gröfste Detailhandelsgeschäft, eine Art moderner Bazar,einen Teil des Fleischergewerbes an sich gezogen. Es läfst das Schlachtendurch einen fest angestellten früher selbständigen Fleischermeister und einenLehrling besorgen. In der Zeit flotten Geschäftsganges werden täglich1 Schwein und wöchentlich 2 Rinder geschlachtet. Die Fleischerei diesesBazars ist die bedeutendste am ganzen Ort. Vgl. F. Flechtner, Der Detail-handel in Unseburg in der Enquete überdie Lage des Kleinhandels in D.1 (1899), 170.