Zweiundzwanzigstes Kapitel. Die Sphäre der Hausindustrie.
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oder bei einer Stepperin aufser dem Hause steppen. Dann wählter aus seinem grofsen Leistenvorrat, den er oft in Wien etc. ein-gekauft hat, ein passendes Paar heraus und übergiebt Schaft,Leisten und den schon im rohen zugeschnittenen Boden einemHeimarbeiter zur Anfertigung des Schuhs. Diese meist grofs-, zu-weilen kleinkapitalistischen Verlagsmagazine sind die Erben jeneroben gekennzeichneten Magazinmeister. Wir werden noch sehen,dafs in der Schuhmacherei die hausindustrielle Betriebsform imBegriffe ist, von der Fabrik verdrängt zu werden.
Weit gesicherter dagegen scheint einstweilen noch das Ver-lagssystem in dem zweiten wichtigen Bekleidungsgewerbe: derSchneiderei. Zu unterscheiden sind hier Konfektions- und Mafs-geschäft, ferner innerhalb der Konfektion die Wäschekonfektion unddie Kleiderkonfektion.
Das kapitalistischeKleider-Mafsgeschäft, ursprünglich reingrofsstädtischen Charakters 1 , neuerdings im Begriffe, sich über dieKleinstädte und das Land auszudehnen 2 , braucht nicht notwendig aufhausindustrieller Basis zu ruhen: es kann auch von einem Meisteroder Unternehmer betrieben werden, der in eigener Werkstatt dieeinzelnen Stücke hersteilen läfst. Es steht aber vielfach, wenigstensmit einem Fufse, in der Hausindustrie, weil meist ein Teil, wennnicht alle Arbeit von Heimarbeitern besorgt wird. Dieses kapita-listische Mafsgeschäft für Damen- oder Herrengarderobe, das Pen-dant zu dem modernen Verlagsmagazin für Schuh waren besterQualität, liefert die elegantesten Erzeugnisse der Schneiderei undhat seinen Kundenkreis in den wohlhabendsten Schichten der Be-völkerung; es sucht mehr durch teure Qualitätsleistungen, als durchbillige Massenware zu excellieren 3 . Der Inhaber eines solchenMafsgeschäfts, zumal der renommierte in den grofsen Städten, mufsein wohlhabender Mann sein, vor allem, weil er ein reich assor-tiertes Tuchwarenlager zu halten sich gezwungen sieht, auch seinenQualitätsarbeitern verhältnismäfsig hohe Löhne zahlt und nichtselten teuer bezahlte Direktoren und Zuschneider angestellt hat; hier
1 Breslau U. VII, 33 f.; Karlsruhe II, 51/52; Wien UOe. 508/509.
2 Für das Bauerndorf Gahlenz U. V, 48; für Nakel U. IV, 209 f.; fürEisleben IX, 303; für Jena IX, 5; für Erlangen III, 407; für Löbau IV, 196für Prenzlau IV, 136 f.
3 Ein Frackanzug in einem erstklassigen Wiener Mafsgeschäft kostet140—150 fl., UOe. 534. Man denke: 250 Mk.! Dafs die Damentoiletten, diesolchen Geschäften entstammen, zum Teil märchenhafte Preise haben, istmänniglich bekannt.