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Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus.
seits Gerber eigene Schuhfabriken gründen. Beide Fälle werdenuns z. B. aus Württemberg berichtet, wo in den 1880er Jahren diegrofse Schuhfabrik in Leonberg eine eigene Sohlenledergerberei mit25 Gruben einrichtete, und umgekehrt mehrere LederfabrikenSchuhfabriken in Leonberg ins Leben riefen (U. VIII, 517).
Von grofser Wichtigkeit dagegen gerade in der Gegenwartsind die Tendenzen zur Zusammengliederung der bislang selbstän-digen Berufszweige auf dem Gebiete der Baugewerbe. Es liegtja bei der engen Zusammengehörigkeit der einzelnen baugewerb-lichen Thätigkeiten ganz besonders nahe, diese alle im Grunde dochauf dasselbe Produkt gerichteten Arbeiten aus ihrer Vereinzelungherauszuheben, dadurch, dafs man sie mindestens zu einer Unter-nehmung vereinigt. Das ist natürlich dann erst der Fall, wenndie verschiedenen Bauhandwerker nicht mehr in wenn auch nurformaler Selbständigkeit verharren, sondern zu Lohnarbeitern eineskapitalistischen Unternehmers geworden sind. Dafs dieser Vereini-gung in einer Unternehmung dann die Vereinigung in einemBetriebe leicht folgen wird, ist begreiflich.
An thatsächlichen Vorgängen beobachten wir nun dieses: Inweitem Umfange vollzogen ist schon heute die Zusammengliede-rung von Maurerei und Zimmerei in einer Unternehmung,deren Leiter sich dann mit Vorliebe als „Baugewerksmeister“ 1 zubezeichnen pflegen. Dafs diese tiefgreifende Umwandlung im Bau-gewerbe engstens zusammenhängt mit den früher besprochenenTendenzen in den Hauptbaugewerben: der stark kapitalistischen Durch»dringung der Maurerei und Zimmerei, ist augensichtlich. Diese ersteKombination ist dann der Ausgangspunkt für weitere Fusionen. Wirhaben gesehen, dafs die (lokale) Zimmerei das Bestreben hat, zugrofsbetrieblicher Gestaltung zu gelangen, um die Errungenschaftender modernen Technik in vollem Mafse ausnützen zu können. Ichhabe auch bereits darauf hingedeutet, wie dieses Bestreben einzweites zeitigt, dasjenige nämlich, die gesamte Holzarbeit, also vorallem die Bautischlerei, in ihren Bereich zu ziehen. Man pflegt dieseaus Bautischlerei und Zimmerei kombinierten Grofsbetriebe Bau-
1 Dafs diese meist recht kapitalkräftigen „Baugewerksmeister“ auf ihrenKongressen mit ihrem Handwerksmeistertum kokettieren, ist einfach einpolitischer Trick. Wer das Vergnügen hat, die Hauptredner auf diesen Versamm-lungen persönlich zu kennen, kann ein Lächeln der Bewunderung nicht unter-drücken, mit welcher disinvoltura diese „schweren Jungen“ sich bescheidenin das schlichte Gewand des Handwerkers guten alten Schlages zu hüllenverstehen!