Druckschrift 
1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
Seite
575
Einzelbild herunterladen
 

Sechsundzwanzigstes Kapitel. Das Handwerk in der Gegenwart. 575

Uber das Königreich Württemberg lauten einige Berichte wiefolgt:im Jagstkreis werden gewerbliche Erzeugnisse zum eigenenGebrauch noch verfertigt: aus Hanf, Flachs, teilweise Wollein Mergentheim, Gespinste in Künzelsau, Gerabronn, Crailsheim ,Ellwangen stets weniger, Heidenheimwenig mehr,Gmünd, Welsheim 1 ; im Neckarkreis findet sich: Leinwand-

erzeugung in Leonberg, Spinnen und Stricken in Ludwigsburg , Efs-lingen, Waiblingennoch in ausgedehntem Mafse, doch abnehmend,Besigheim, Heilbronn, Weinsberg selten mehr, Vaihingen 2 ; imSchwarzwaldkreis ist die hausgewerbliche Eigenproduktionnochsehr verbreitet; in Neuenburg wurdenoch vor 20 Jahren. . alles, was der Bauer trug, selbst gefertigt, jetzt wird alles ge-kauft; Spinnen und Weben ist noch Sitte im Nagolder, Calwer,Freudenstadter Bezirk, selten in Balingen, Oberndorf, Sulz, Rotten-burg , Tübingen 3 ; im Donaukreis:sehr verbreitet 4 . Dafs die

noch ziemlich in der Nähe der Civilisation belegenen Teile der badischenEbene aus dem Dorfe Muckenschopf im Hanauer Lande merkwürdigabweichend und allen sonstigen Nachrichten dermafsen entgegengesetzt, dafsich ihm keinen allzugrofsen Beweiswert zusprechen möchte. Immerhin mager, bei der Kargheit ähnlicher Schilderungen, hier Erwähnung finden: viel-leicht sieht sich der eine oder der andere gerade durch derartig kontrastie-rende und im allgemeinen dürftige Berichterstattung über diesen wichtigenTeil unseres Wirtschaftslebens zur Nachprüfung und Vermehrung unseresWissens darüber veranlafst. Es lieifst bei Emil Braunagel, Zwei Dörferder badischen Eheinebene etc. 1898. S. 21: Die verhältnismäfsig grofseZahl der Weberfindet . . darin seine Aufklärung, dafs die Bewohner dieserGegend ihre ganze Leibwäsche, sowie das zur Haushaltung nötige Linnenaus meist selbstgezogenen Gewächsen gewinnen. Sie brechen, dörren,trocknen und reinigen die Pflanzen, spinnen sie und lassen sie durcheinen Weber zu Tuch (? soll wohl heifsen: Leinwand) herrichten. Fast injeder Haushaltung findet man einen oder mehrere Webstühle im Gebrauch,und die Mädchen und Frauen haben eine bewundernswürdige Fertigkeit darin,den Faden zu zupfen, zu drehen und sodann zu spinnen. Der Webstuhl spieltauch heute noch in dieser Gegend eine bedeutende Eolle. Man versammeltsich im Winter abwechselnd in einem gemeinsamen gröfseren Eaume, wo dieMädchen spinnen. Die jungen Burschen finden sich ebenfalls ein, und unterheiteren Scherzen wird der Abend verbracht. Also das reine Dornröschen-schlofs, dieses Muckenschopf: eine Idylle, über die der Strom der Zeit hin-weggerauscht ist, ohne sie zu berühren. Übrigens weckt die Unsicherheitdes Verfassers kein grofses Vertrauen zu der Glaubwürdigkeit seinerSchilderung.

1 Schriften d. V. f. S.-P. Bd. 53 S. 248.

2 A. a. 0. S. 266.

3 A. a. 0. S. 281.

4 A. -a. 0. S. 293.