578 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus .
ganz ähnliche Zustände auf den grofsen Gütern, wie in den Bauern-dörfern des Westens und Südens: auch hier noch vorhandene,aber überall im Abnehmen begriffene hausgewerbliche Eigen-produktion bei den ländlichen Arbeitern und in der Gutswirtschaftselbst 1 . Letztere weist noch heute eine Reihe von Gutshandwerkernals Deputatisten auf: den Gutsstellmacher, Gutsschmied, Guts-zimmerer, Gutsmüller etc. 2 Ihre Existenz ist mit dem gesamtenSchicksal der alten patriarchalischen Gutswirtschaft aufs engsteverknüpft: mit ihr stehen sie und — werden sie fallen.
Seltener geworden sind in den Bauerndörfern des Ostens dieauf der Stör arbeitenden Schneider 3 , wenngleich uns von Selbst-verfertigung der Kleidungsstoffe auch noch hie und da berichtetwird 4 .
Dagegen scheinen wiederum in den Dörfern des Spreewaldesdie gewerbliche Eigenproduktion und die zu ihr gehörige Störereinoch in voller Blüte zu stehen, wie ich folgender Schilderung ent-nehme, die ich in U. VII, 517 finde:
„Die meisten Handwerke werden im Spreewald noch in derForm des Lohnwerks und auf der Stör betrieben. Eigenes Ledergerbt der Bauer zwar nicht mehr, und auch der Schuster kommtnicht mehr in sein Haus, sondern die Schuhe werden bestellt oderfertig gekauft. Aber alle Kleidungsstücke werden vom Schneiderim Hause des Kunden gefertigt. Sein Korn läfst der Bauer beimMüller mahlen, der sich dafür eine Metze vom Scheffel abzieht;sein Brot bäckt ihm der Bäcker, und er erhält für jedes Brot (12bis 30 Pfund) nur 10 Pfennig. Auch der Fleischer ist meist eingewerblicher Arbeiter, der von Hof zu Hof zieht. Freilich wirdBäckerei und Schlächterei auch schon als wirkliches Handwerk be-trieben. Baut der Spreewälder ein Haus, so kauft er Steine undHolz und nimmt Maurer und Zimmerer in seinen Dienst. Auchsein Leinöl läfst er sich selbst auf der Mühle gegen Lohn bereiten.
Der Tischler ist hier ebenfalls noch Lohnwerker. Wenn desBauern Tochter eingesegnet wird, läfst der Vater einige von denErlen und Eichen fällen, die seinen Hof umgeben, und sie auf der
1 Vgl. M. Weber, Die Lage der Landarbeiter im ostelbischen Deutsch-land . Schriften des Ver. f. S.-P. Bd. 55 passim.
2 Vgl. für Niederschlesien U. IX, 509; Westpreufsen IX, 531; für denNetzedistrikt U. IV, 237/38.
3 Für Nakel U. IV, 211.
* Kreis Dramburg U. IV, 145.