Druckschrift 
1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
Seite
579
Einzelbild herunterladen
 

Sechsundzwanzigstes Kapitel. Das Handwerk in der Gegenwart. 579

Mühle zu Brettern schneiden. Hat sie sich verlobt, so ruft er denTischler in sein Haus, der von dem gut getrockneten und ab-gelagerten Holz den nötigen Hausrat fertigen mufs. Die Möbel sindeinfach, derb, nicht fourniert; zu städtischer Ware hat der Spree-wälder kein Zutrauen. Wochenlang oft bleibt der Tischler aufdem Hofe.

Mehr und mehr hört wohl der Hausbau auf, Gegenstandhausgewerblicher Eigenproduktion zu sein. Zwar liefert der Bauerimmer noch gern das Material zu seinem Hause (vgl. unten S. 600),aber die eigene Thätigkeit ist doch erheblich geringer als früher;die Ausführung des Baues erfolgt in gröfserem Umfange durchfremde Arbeiter. Der specielle Grund hierfür mag hauptsächlichin dem Übergang vom alten, strohgedeckten Lehmfachwerkhause^das heute polizeilich überhaupt nicht mehr gestattet wird, zummassiven Ziegelbau liegen, den der Maurer, dieses Mädchen für allesbeim ländlichen Häuserbau, nun in allen seinen Teilen beherrscht(vgl. S. 601).

Es ist selbstverständlich, dafs diejenigen ländlichen Hand-werke, die sich als Lohngewerbe engstens an die bäuerlicheoder gutsherrliche Eigenwirtschaft angliederten, in ihrem Beständesich gefährdet sehen mufsten, sobald die Eigenwirtschaft selbst insWanken kam: denn nur von ihr zogen sie ja Nahrung. Dahin ge-hören z. B. Lohnweberei, Lohnfärberei und andere diehäusliche Kleidererzeugung ergänzende Gewerbe, die heute schonso gut wie verschwunden sind.

Dahin gehört ferner die handwerksmäfsige Wind- und Wasser-müllerei, die ihren Hauptnahrungsquell in der Lohnvermahlungdes von den Bauern, den Insten, den Gutsherren, den Klöstern etc.gebrachten eigenen Korns gefunden hatte, und deren Rückgang inder Gegenwart ganz allgemein konstatiert wird. Was die Situationder Müllerei noch verschlechtert, ist der Umstand, dafs auch dieBäcker es vorteilhafter finden das hängt mit der oben beschriebeneneigentümlichen Lage des Mehlmarktes zusammen! das Kunstmehlzu kaufen, statt wie früher das Getreide auf ihre Kosten mahlen zulassen. So ergiebt sich für die handwerksmäfsige Müllerei für denAugenblick ein Zustand verzweifelten Existenzkampfes 1 , der viel-fach schon mit ihrem Untergange geendigt hat: in der Umgegendvon Nakel (Netze) ist der Ertrag von 20 Windmühlen seit zehn

1 Der für die grof sstädtische Müllerei längst zu Gunsten des kapita-listischen Grofsbetriebes entschieden ist.

37 *