Sechsundzwanzigstes Kapitel. Das Handwerk in der Gegenwart. 591
grund gezogen. Wir haben nicht viel Berichte über die Lage derGerberei, aber die, die wir haben, reden eine um so deutlichereSprache. Da sind zunächst erst wieder ein paar Grofsstädte:Breslau und Köln . In beiden ragen ganz wenig Reste desalten Lederhandwerks in die Gegenwart hinüber (U. IV, 1 ff.,247 ff.). Dann kommen die kleinen Orte: in Prenzlau ist die Lageder Lohgerber hoffnungslos (U. I, 126 f.); ihre und der Weifs-gerber Situation in Eisleben kennzeichnen folgende Ziffern (U. IX,339): es gab daselbst Lohgerber 179*0: 6, 1875: 1, 1895: 0; Weifs-gerber 1880: 5, 1895: 0; in Loitz, wo die Lohgerberei früher einegrofse Bedeutung hatte, ist sie heute völlig beseitigt (U. I, 38). DieWeifsgerber in Prenzlau werden durch die abnehmende Renta-bilität des Wollhandels bedroht, besonders die kleinen (U. I, 124);dasselbe wird für Wien (UOe. 481—490) und Württemberg (U. VIII, 534) bestätigt. Von den Lohgerbern ebendaselbst heifstes (VIII, 523): „Überallher tönen jetzt die Klagen der Kleingerber;aus Reutlingen, Metzingen, Ebingen, Oberndorf, Ohringen kommtder gleiche Jammer über den Rückgang der Lederpreise, der demKleingerber den Wettbewerb mit den mechanischen Grofsbetriebennicht mehr möglich mache, so dafs er das Einarbeiten von Häutenaufgeben müsse.“ Im Königreich Sachsen ist „die rein handwerlcs-mäfsige Form der Gerberei . . . jedenfalls nicht mehr lebensfähig“(U. V, 461): „Rein handwerksmäfsigen Charakter tragen heute inSachsen die Gerbereien nur noch in wenigen kleinen Landstädten,namentlich in Gegenden, die nicht in dem starken Strome des Verkehrsliegen. In den kleinen Städten ist an Stelle des handwerksmäfsigender halbfabrikmäfsige Kleinbetrieb getreten, und in den Grofsstädtenhat sich auch dieser nicht halten können“ (U. IX, 478).
In Summa: es ist — wie es in einem Berichte über die Gerbereiin der Schweiz zusammenfassend heifst 1 — eine „überall sichgeltend machende Erscheinung, dafs kleine, irrationell geleitete Be-triebe von den mit allen technischen Hilfsmitteln ausgerüstetenGrofsbetrieben verdrängt werden“.
Das Kürschnerhandwerk hat aufser denjenigen Zweigenseiner Thätigkeit, die dem gewerblichen Kapitalismus anheim ge-fallen sind, noch eine Reihe durch Bedarfsverschiebung entstan-dener Verluste zu beklagen: die grofse Nachfrage früherer Zeitnach Pelzwerk auch in weniger begüterten Klassen hat mit demWegfall des Personenpostverkehrs, mit der Verbesserung der Heiz-
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