Sechsundzwanzigstes Kapitel. Das Handwerk in der Gegenwart. (J01
Aus Nöttingen - Darmsbach wird uns berichtet, dafs vonden 6 Maurern 4—5 in Compagnie arbeiten und auch gröfsereBauten, wie Kirchen, Pfarrhäuser etc. in Submission nehmen.Kapital haben sie so gut wie keines nötig, „da sie bei Übernahmevon Geschäften den Steinlieferanten bis zum Empfang ihrer Raten-zahlung warten lassen und der frühere Verdienst ihnen zum Lebens-unterhalt dienen mufs“ (U. VIII, 67/68).
Im niederschlesischen Dorfe Krampitz wohnen drei Maurer,die die Neu- wie Altarbeit in der Umgegend ausführen (U. IX, 514).Der Zimmerer ebendaselbst ist kein selbständiger Handwerker; erbesorgt nur Reparaturen. In Nöttingen - Darmsbach leben vierZimmerleute, die nur „nebenbei Handwerker“ sind. Einer hat nur15—20 Tage, ein anderer 60 Tage, der dritte und vierte haben120—130 Tage im Jahre Arbeit. Das Material wird ihnen meistgeliefert (U. VHI, 69). In Mefskirch arbeiten die Zimmerleute„ganz wie früher“ (U. VIH, 49/50).
Im ostfriesischen Dorfe Loquard ist die Zimmerarbeit erheb-lich beschränkt: die Zahl der selbständigen Betriebe ist von sechsim Jahre 1862 auf drei heruntergegangen. Der Hauptgrund liegtin der Thatsache , dafs früher die rohen Hölzer vom Zimmermannbearbeitet wurden, jetzt jedoch vorgearbeitet aus den Sägewerkenbezogen werden (U. VII, 586/87).
Ganz ähnliche Verhältnisse habe ich persönlich in zahlreichenschlesischen Dörfern und Landstädtchen gefunden. Soll einmal eingrofser Bau ausgeführt werden, so geht man zu dem „Maurer-meister“ in der nächsten Stadt — Geschäften also, die schon inOrten von 5—6000 Einwohnern 30, 40, 50 und mehr Arbeiter be-schäftigen. Aber die Regel ist das nicht. Was gemeinhin vonBauarbeiten auf dem Lande verlangt wird, kann der kleine Maurer-polier sehr gut leisten. Unterkellerungen sind selten, Stockwerkeauch, die paar Mauern kann jeder leicht ausführen. Dann setztder Zimmermann oder der Tischler die Fenster und Thüren ein,der Maurer besorgt auch wohl noch das Anstreichen, Ofensetzenund Dachdecken, und der Dorf bau ist fertig. Und das ist immerschon das grofse Ereignis des kompletten Neubaus. Meist handeltes sich ja nur um Flickereien oder Umbauten.
Und nun zu den sog. „kleinen“ Bauhandwerken!
Die handwerksmäfsige Bautischlerei sieht sich von nichtweniger als fünf Seiten her in ihrem Bestände bedroht. Wie wirnämlich bereits beobachten konnten (vgl. S. 495 £, 539 f., 544, 560 f.),dringt der Kapitalismus auf sie ein: