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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
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607
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Sechsundzwanzigstes Kapitel. Das Handwerk in der Gegenwart. (307

Aus dieser Aufzählung ist zunächst ersichtlich, dafs keinStück des Arbeitsgebiets unseres Handwerks von dem Eindringenkapitalistischer Organisation verschont geblieben ist, es sei denn,dafs man die Herstellung stark individualisierter und lokalisierterErzeugnisse, bei deren Anfertigung wiederholte persönliche Rück-sprache erwünscht ist Lieferung einzelner abgepafster Möbelund Einrichtungsgegenstände für Private oder Behörden etc. 1 alseinen besonderen Zweig der Möbeltischlerei ansehen und zugebenwollte, was für einzelne Orte behauptet wird x , dafs der Kapitalis-mus das Handwerk in diesem Schlupfwinkel überhaupt noch nichtaufzufinden vermocht hätte. Immerhin würde es sich dann dochnur um Kleinigkeiten handeln im Vergleich zu den übrigen Ar-tikeln der Möbeltischlerei.

Fragt sich, in welchem Umfange sachlich wie räumlichletztere dem Handwerk verblieben sind oder zu verbleiben Aus-sicht haben.

In Köln stellt das mittlere Publikum die Hauptkundschaftder Meister dar; die Reicheren und Vornehmeren gehenlieber indie grofsen Magazine . . .; die untere Klasse kauft bereits durcli-gehends von einer hiesigen Fabrik und von den Magazinen, unterUmständen auch im Abzahlungsgeschäfte. Aber auch die sog.besseren Bürger des Mittelstandes, der eigentliche Kundenkreisder Meister, kaufen fournierte Möbel schon überwiegend in denMagazinen (U. I, 270). Der Berichterstatter meint, dafs eineKonkurrenz der Handwerker mit den Magazinen in besseren four-nierten Möbeln, allerdings nur für eine beschränkte Zahldurchaustüchtiger,einigermafsen kapitalkräftiger Meister denkbar wäre;doch ist, fügt er hinzu, der Kreis der Möbel, welche auf dieseWeise dem handwerksmäfsigen Betriebe erhalten werden könne,einsehr begrenzter (U. I, 295/96). Die Situation in Köln kenn-zeichnet sich danach als ein erbitterter Kampf der handwerks-mäfsigen Möbelschreiner um ein letztes, kleines Rückzugsgebiet:die Anfertigung solider Mittelware. Das ist aber, wie hier schonvorweg bemerkt werden mag, die Lage fast in allen gröfserenStädten.

In München halten sich einige kleinere Kunstschreinernotdürftig über Wasser. Ihre Rettung ist der Rückhalt au derKünstlerschaft, die sie mitfeiner Kundschaft versorgt. Dochhaben diese Betriebe unzweifelhaft die Tendenz, sichauszuwachsen

1 Augsburg U. III, 539.