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und aus der rein handwerksmäfsigen Sphäre herauszutreten. Eineder beschriebenen Kunstschreinereien beschäftigt 8—10, eine andere14 Gehilfen x . Der Rest des Handwerks arbeitet die obligate Mittel-ware und befindet sich in sehr gedrückter Lage, weil die Konkur-renz der in Magazinen vertriebenen „Berliner Möbel“ immer em-pfindlicher wird. Ein grofser Teil der Meister hat sich schon ent-schliefsen müssen, für die Magazine zu arbeiten 1 2 3 .
Das nämliche Bild in Augsburg: „ein kleiner Teil der Augs-burger Tischler hofft wohl durch Verbindung der Tischlerei mitdem Möbelkram über die Handwerkermisere hinwegzukommen; andereglauben in der Arbeitsverschiebung ihr Heil zu finden . . . Einigewenige endlich suchen durch Einführung von Specialitäten, durchBeachtung der Konjunktur, durch Anschmiegung an die Neigungenund Bedürfnisse des Publikums, durch Ausnutzung der Vorteile,die das Arbeiten auf Vorrat bietet, durch sparsame Behandlungdes Materials, durch Berechnung geringen Profits für das einzelneStück und sonstige Reklame ihren Absatz und Wohlstand zu er-höhen. Von diesen Kategorien, namentlich von der letztgenannten,wird sich vielleicht der oder jener zum Grofsgewerbtreiben-den aufschwingen, zunächst aber sind es diese Neuerer, überderen Konkurrenz . . . der gewöhnliche Kundentischler am lautestenjammert.“ Man beachte, wie vortrefflich in dieser Darstellung dievon mir immer so stark betonte Gegensätzlichkeit dieser klein-kapitalistischen Unternehmungen zusteuernden Neubildungen zumechten Handwerk zum Ausdruck gebracht wird! Was nun aberdie alten Handwerke anlangt, so meint unser Gewährsmann, wirdihr Los das fortschreitender Verkümmerung sein: „Der Betrieb
wird immer zwerghafter, die Betriebsweise immer extensiver, dieLebenshaltung immer dürftiger, die gezahlten Löhne immer ärm-licher“ (U. III, 545/46). Es ist wie ein Körper, dem langsam dasBlut entzogen wird. Zu bemerken wäre noch, dafs es am elendestenvon allen Tischlern in Augsburg den kleinen Kunsttischlernergeht (ib. S. 547 f.).
In Mainz herrscht, der Tradition des Ortes entsprechend, derGrofsbetrieb in der Möbelschreinerei, die gröfstenteils Kunstgewerbeist, schon lange vor. Was der Geschichtschreiber der Mainzer Möbelschreinerei als die zukünftige Aufgabe einer „kleinen Anzahl
1 Thurneyssen, a. a. 0. S. 68 f., 73. Vgl. auch das im zweiten Bande
von mir über die Organisation der „Vereinigten Werkstätten“ Bemerkte.
3 Thurneyssen, a. a. 0. S. 74.