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Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus.
in hartem Kampfe um ihren alten Besitzstand gefunden; welcheSicherheit haben dann die anderen Gewerbe auf dem Lande? DiePhrase von dem konservativen Sinn der Landbevölkerung hat ihreGeltung grofsenteils eingebüfst. Wir sehen den Bauern seine Klei-der beim Juden in der nächsten Kleinstadt kaufen und die Möbelaus dem Magazin entnehmen, dieselben Möbel, die vielleicht derGevatter Handwerker auf dem Dorfe eben erst in die Stadt zumMagazininhaber gefahren hat. Der Bauer gewöhnt sich an denEmailletopf und die Petroleumlampe ebensoleicht wie an diefertig im Laden gekauften eisernen Geräte und ledernen Pferde-geschirre, und seine Frau und Tochter nehmen Hausierern gerndie Tücher und Jacken ab, die sie eben noch vielleicht am eigenenWebstuhl gewebt haben. Ja — man ist versucht, zu sagen, dasBlatt habe sich gewandt; es sei die gröfsere Stadt in Zukunftein sichereres Feld für die Bethätigung des Hand-werks geworden, als es Kleinstadt und plattes Land sind. Dierasche Neugestaltung des gewerblichen Lebens in den Grofsstädtenschafft in jedem Augenblick Arbeitsgelegenheiten neu, deren sichder gewandte Handwerker bemächtigen kann; wir haben an ver-schiedenen Stellen solche Fälle beobachtet: namentlich auf demGebiete der Baugewerbe, bei der Installation von Gas- und Wasser-leitungen etc. fallen immer wieder Brosamen ab, von denen sich derHandwerker — eine Zeit lang wenigstens — nähren kann. Auchdie umfassenderen Reparaturen in den reichbevölkerten Städtengeben dem Handwerke gröfseren Arbeitsstoff, als er in den exten-siven Siedelungsgebieten findet.
Und ebensowenig wie Stadt und Land einen principiellenUnterschied begründen, läfst sich ein solcher nachweisen für die inihrer Agrarverfassung und allgemeinen Siedelungsverhältnissen von-einander abweichenden einzelnen Gebietsteile Deutsch-lands . Wohl mag der einzelne Handwerker, der als badischerBauerssohn mit einem väterlichen Erbteil in die Stadt wandert,vielleicht noch auf Zuschüsse von Hause rechnen darf, eine be-häbigere Existenz sein als sein Genosse in unserem armen Osten,der als Proletarierkind oder Instensohn sein Gewerbe beginnt.Aber die Lage des Handwerks ist darum keine andere in Badenals in Schlesien , die Sicherheit seines Besitzstandes keine irgendwiehöhere im reichen Westen als im armen Osten. Städte wie Breslau und Köln, wie Posen und Karlsruhe, wie Eisleben und Freiburg ,wie Nakel und Emmendingen weisen in den Grundzügen völliggleiche Entwicklungsreihen auf. Ich komme auf diese Verhängnis-