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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
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Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus .

bestand folgender Handwerke als dauernd gesichert zu betrachten:der Schneider , Schuhmacher, Tischler, Drechsler, Schlosser, Schmiede,Sattleru. s. f., der Fleischer, Bäcker, Müller; aberam festestensteht der kleine Betrieb wohl in den Baugewerben x .

Man ersieht aus solchen Beispielen, wie vorsichtig man dochim Voraussagen zukünftiger Entwicklung sein mufs! Zumal wennman die Lage der Dinge nicht kennt. Vor allem sollte man nienie sagen! Deutsche Professoren haben die Undurchführbarkeit desDampfschiffbetriebes, der Eisenbahnen und anderer Neuerungenhaarklein nachgewiesen. Sollten wir immer noch nichts gelernthaben? Vestigia terrent!

Nun sind wir allerdings in einer erheblich günstigeren Lageals unsere Vorgänger. Unsere Einsicht ruht auf einem so breitenThatsachenmaterial, wie es vielleicht die sociale Wissenschaft nochnie für die Beantwortung irgend einer Frage besessen hat. Wollenwir daraufhin den Versuch wagen, und doch wenigstens einigenHandwerken ein ewiges Leben Voraussagen? Wir können es auchjetzt nicht, wir dürfen es nicht, wenn wir gewissenhaft sein wollen.

Unsere wirtschaftliche Entwicklung ist eine so reichhaltige,der Methoden, dem Handwerk den Lebensodem zu nehmen, giebtes so viele, dafs selbst wenn noch heute der Turm einesHandwerks unerschüttert stände man niemals sagen dürfte: auchmorgen wird er erleben. Nun zeigen uns aber die Thatsachenschon jetzt noch mehr: dafs nämlich kein einziger Zweig desGewerbes vom Hauche des Kapitalismus unberührt geblieben ist;an allen frifst der Wurm. Das einzige, was wir zuverlässig sagendürfen, ist dieses: die verschiedenen Handwerke weisen im Tempoihrer Zersetzung Unterschiede auf. Und wenn wir diejenigen mitlangsamerer von denjenigen mit rascherer Auflösung sondern wollen,so werden wir zu jenen die Ernährungs- und Bauhandwerke, zudiesen die Bekleidungs- und Gerätschaftshandwerke rechnen. DerGrund dieser Unterscheidung liegt schon jetzt zu Tage. Unsere,theoretische Erörterung wird uns den Zusammenhang der Erschei-nungen noch deutlicher machen. Dazu können wir bemerken, dafsan Stelle der ihm immer mehr entzogenen Neuarbeit das Handwerksich in nicht unbeträchtlichem Umfange an der Reparatur- undFlickarbeit eine Zeit lang wenigstens zu stützen vermag. Dafsauch dieses Arbeitsgebiet kein immerdar und überall gesichertesist, werden spätere Ausführungen noch erweisen.

1 Haushofer, Das deutsche Kleingewerbe etc. 1885. S. 19.