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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
Seite
646
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(j4(5 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus .

Was mir jedoch alle diese Ermittlungen an Wichtigkeit weitzu übertreffen scheint, ist die Beobachtung, dafs das Handwerküberhaupt als selbständige sociale Klasse sich aufzu-lösen im Begriffe ist. Die Radamontaden der Schreier auf denHandwerkerkongressen dürfen uns über diese unzweifelhafte That-sache nicht hinwegtäuschen *. Allerdings handelt es sich einstweilennoch bei weitem nicht um ein fait accompli, sondern nur um dieersten Anzeichen einer beginnenden Zersetzung des specifisch hand- *

werklichen Klassenbewufstseins. Aber weil diese auf eine wachsendeTendenz schliefsen lassen, müssen sie vom socialen Beobachter ge-wissenhaft registriert werden. Dabei möchte ich wieder dem Land- |

handwerk, wenigstens soweit es in jener organischen Verbindungmit der Landwirtschaft steht, eine gesonderte Stellung zuweisen.

Weil in ihm niemals recht ein selbständiges Klassenbewufstseinüberhaupt je rege geworden ist sei es wegen der Pflanzenhaftigkeitseiner Existenz aufserhalb städtischen, also kulturellen Daseinsschlechthin, sei es wegen der Zwitterhaftigkeit seiner Interessenso kann natürlich auch von einer Verschiebung seines Klassen-bewufstseins nicht wohl die Rede sein. Seine Entwicklung auchals sociale Interessengruppe scheint mir vielmehr aufs engste mitdem Schicksal der kleinbäuerlichen Bevölkerung verknüpft. Sollte 0

diese einmal in eine agrarisch-revolutionäre Bewegung eintreten,so würden die Dorfhandwerker als die verhältnismäfsigen Intelligenzen

1 Es ist eines der zahlreichen Verdienste des.Waentigschen Buchs, denakten- und ziffemmäfsigen Nachweis geliefert zu haben für das Mifsverhältniszwischen dem äufseren Anschein, dem nach die Handwerkerbewegung einekraftvolle, zukunftsreiche Massenbewegung ist, und ihrer inneren Nichtigkeitund Bedeutungslosigkeit. Es gilt für Deutschland nicht minder, als fürÖsterreich , was der Verfasser als Ergebnis seiner eingehenden Unter-suchungen über die Bedeutung der Handwerkerbewegung a. a. 0. S. 168 zu-sammenfafst:. . . weder ihrer Ausdehnung, noch ihrer Intensität nach kanndie . . Handwerkerbewegung in ihrer jüngsten Phase als socialpolitischerMachtfaktor angesehen werden. Und auch damit darf man sich nicht etwatrösten wollen, dafs man es mit bescheidenen Ansätzen zu gröfserem zu thunhabe. Denn was man zuletzt an ihr erlebte, das waren nicht die erstenstürmisch-ungelenken Regungen des überströmenden Kraftgefühls einer auf-strebenden Bevölkerungsklasse, sondern[die letzten konvulsivischen Zuckungeneines abgezehrten und greisenhaften Leibes, der sich im Todeskampfe windet.Die Altersschwachen, Kränklichen und Gebrechlichen haben sich in ihrzusammengefunden, die Jugendfrischen und Wohlgeratenen, die Starken undZukunftsfreudigen, wohlgemerkt auch im Handwerk vgl. dazu meine etwasandere Auffassung unten S. 649 f. halten sich fern von ihr. Sie haben neueund .andere Ideale . . .

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