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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
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647
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Achtundzwanzigstes Kapitel. Die moderne kapital. Entwicklung etc. (547

etwa dieselbe Führerrolle auf dem Land zu übernehmen berufensein, wie die boutique bei kleinbürgerlichen oder proletarischenBestrebungen.

Unser Augenmerk mufs vielmehr an dieser Stelle ausschlielsliehauf die Vorgänge im Schofse des eigentlichen, d. h. des städtischenHandwerks gerichtet sein. Innerhalb dieses schwindet das altegemeinsame Klassenbewufstsein in dem Mafse, wie die Zersetzungund Auflösung seiner Organisation selber fortschreitet.

Die ursprüngliche Interessengemeinschaft zwischen Meister undGehilfen Gesellen wie Lehrlingen ist schon heute so gut wieverschwunden. Wir sahen sie in den gröfseren Städten schon umdie Mitte des 19. Jahrhunderts ins Wanken kommen. Jetzt gehörtdie Sitte, dafs der Geselle Wohnung und Kost beim Meister innatura hat, doch schon in den kleineren Städten offenbar zu denSeltenheiten von einzelnen Gewerben, wie Fleischern, Bäckern,Friseuren abgesehen, deren Technik das Zusammenleben notwendigmacht, während sie freilich in Dörfern und Landstädtchen noch durch-aus verbreitet zu sein scheint. Erfolgte Auflösung der patriarcha-lischen Beziehungen wird berichtet aus Altona und Umgegend(U. I, 26), Posen (I, 92), Jena z. T. (IX 13. 38. 61. 86). Dochhaben wohl die Referenten in den meisten Fällen die Erwähnungsolcher erfolgten Auflösung nicht für nötig befunden. Wenigstensfinden wir in den Berichten in der Regel nur einen Hinweis, wenndie alte Sitte noch besteht 1 . Was sich hier erhält, scheint aberdoch mehr ein verfallender Körper zu sein, aus dem der Geistlängst entschwunden ist. Denn von einer rechten Arbeits- undInteressengemeinschaft der Meister uud Gesellen vernehmen wir

1 Ich gebe hier ein Verzeichnis der betreffenden Stellen in den U., dader Index kein darauf bezügliches Stichwort enthält. Schuhmacher in Loitz(I, 41), desgl. in Stadt und Kreis Dramburg (I, 58), ebendaselbst die Schmiede(IV, 150), dieselben in Löbau (IV, 200), Tischler in Könitz (IV, 172), im Spree-wald (VII, 512). Fast alle Handwerker in: Nakel (IV, 205), Gahlenz (V, 17),Deutsch-Lissa (IX, 492. 497. 503), Krampitz (IX, 505 f.), Könitz (IX, 523 f.). Vonden Bäckern wohnten sogar in Berlin nach der von der Kommission fürArbeiterstatistik veranstalteten Enquete noch 91,5% aller Gesellen und Lehr-linge beim Meister: Erhebungen 1, 54. Von den Münchener Friseurenstehen 54% in sog.halber Kost, d. h. haben freie Wohnung, Morgenkaffee,Mittagbrot und zuweilen noch Nachmittagskaffee, 27% haben vollständig freieStation, d. h. stehen inganzer Kost, reinen Geldlohn erhalten nur 13%dies alles ermittelt unter 149 Gehilfen von 458 insgesamt. Vgl. PaulSander, Die Lage des Barbier- und Friseurgewerbes, auf Grund einer inMünchen veranstalteten Umfrage dargestellt (1898), 44/45.