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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
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Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus.

nirgends etwas. In den Grofsstädten ist das selbstverständlich, aberauch, ja gerade in den kleinen Städten hat sich, ich möchte sagen,der Hafs der beiden Elemente gegeneinander zu einer Spannungentwickelt, dafs er Funken schlägt. Die Klagen der Meister, dafsmit dem Arbeitermaterial auch gar nichts mehr anzufangen sei,weil die Gesellen für wenig und schlechte Arbeit viel Lohn fordertenund aufserdem noch aufsässig seien, schallen aus allen Winkeln desReichs. Vielfach drängen jetzt die Meister selbst zu einer Auf-lösung der alten Gemeinschaftsbande: die äufsere Form ist einunerträglicher Zwang geworden, seit sich der Inhalt verändert hat 1 .An die Stelle der patriarchalisch geregelten Arbeitsgemeinschafttritt aber mehr und mehr das kapitalistisch-proletarische Vertrags.Verhältnis. Der Accordlohn, dieses Wahrzeichen des modernenrein geschäftsmäfsigen Arbeitsvertrages, wird mehr und mehr auchim Handwerk zur Regel. Und im Gefolge dieser Wandlungen inden Beziehungen zwischen Meister und Gesellen treten alle die.specifischen Erscheinungen auf, die das proletarische Lohnarbeiter-verhältnis charakterisieren: Tendenz zur Verkürzung des Lohns,zur Verlängerung der Arbeitszeit, Ausbeutung jugendlicher Arbeits-kräfte u. dgl. 2 : das alles wo möglich mit gröfserer Intensität alsin den meisten Grofsbetrieben, weil ja die Not der Meister eineviel gröfsere ist. Das alte Lehrherrnverhältnis zum Lehrling istzerrissen; übereinstimmend lauten die Urteile im höchsten Gradeungünstig Uber die Behandlung und Ausbildung der Lehrlinge. Solöst sich zunächst die Arbeiterschaft oder hat es schon gethanaus der alten Klassenzugehörigkeit vollständig heraus und gruppiertsich um neue Ideale. Dafs dieses die allgemein proletarischensind, kann nicht zweifelhaft sein: schon heute ist der Übergangvon i der Werkstatt des Meisters in den Arbeitssaal des Unter-nehmers für die Mehrzahl der Berufszweige dem Gesellen eine ver-traute Erscheinung, ebenso wie er gelegentlich aus dieser in jene

1 Vgl. z. B. die interessanten Ausführungen für Graz: UOe. 307.

2 Vgl. U. Index s. v.Arbeiterverhältnisse, und in diesemWerkeBd.ilBuch III. Besonders reichhaltiges Material zur Beleuchtung dieser Frage be-sitzen wir für Österreich: vgl. z. B. E. Mi s chl er, Die österreichische Gewerbe-inspektion etc. in Brauns Archiv Bd. VI (1893), S. 472. 475. 478. 479. 482.483. 485. 486, wo treffend im Zusammenhänge dargethan wird, dafs das Hand-werk alle Übelstände des kapitalistischen Regimes für die Arbeiterschaft invergröfsertem Mafsstabe aufweist. Dazu neuerdings völlig übereinstimmendund wiederum das beweiskräftige Material stark vermehrend Waentig,a. a. 0. S. 230 ff.