Einige Bemerkungen über Quellen und Untersuchungsmethode etc. (j(31
ragendem Mafse berufen, die Lücken, die persönliche Erkundigung, Statistikund Enquete in fühlbarer Weise lassen, auszufüllen. Sie benutzt, wo sie invollendeter Form erscheint, das mufs zunächst bemerkt werden, die übrigenMethoden der Thatsachenerforschung sämtlich: sie basiert auf persönlicherUmschau, sammelt in zweckmäfsiger Weise statistisches Material und erforschtdie Ansichten der Beteiligten durch Umfrage nach Art der Enquete. Sieleistet aufserdem aber mehr, sofern sie die Möglichkeit gewährt, aus historischerBetrachtung die Entwicklungstendenzen der beobachteten Wirtschafts-erscheinungen abzuleiten, vor allem die Lebensbedingungen und die Lebens-kraft der einzelnen Wirtschafts- und Betriebsformen zu ermitteln.
Halten wir Umschau nach solchen Hilfsmitteln unserer Erkenntnis, sofinden wir in der Vergangenheit gerade für unsern specieilen Bedarf nureine geringe Anzahl wirklich brauchbarer Arbeiten. Merkwürdig: währenddie monographische Behandlung agrarischer Zustände beispielsweise in Deutsch-land um die Mitte des 19. Jahrhunderts sehr häufig beliebt wird (der Leserwird die einschlägige Litteratur im 2. Abschnitt des 2. Bandes ausgiebig be-nutzt finden), ist das Gewerbewesen, so weit meine Kenntnis reicht, nur stief-mütterlich bedacht. Und wo einmal gewerbliche Zustände in der Litteraturvor 1850 geschildert werden, sind es fast immer die Zustände der gewerb-lichen Lohnarbeiter oder diejenigen einer schon kapitalistischen Industrie.Am allerwenigsten ist der Schilderung vorkapitalistischer WirtschaftsformenAufmerksamlieit zugewandt worden, so dafs gerade die Erkenntnis des Statusquo ante der modernen Entwicklung besondere Schwierigkeiten verursacht.Immerhin besitzen wir einige recht brauchbare Monographien auch aus derVergangenheit. Arbeiten wie die des Pastor Funcke über die Heuerleuteoder wie die von Banfield über die rheinische Industrie sind von hohemWerte. Namentlich die letztgenannte Schrift, eine bisher, wie es scheint,völlig unbekannte Quelle, ist eine überaus reiche Fundgrube an Erkenntnis.Was sie so wertvoll macht, ist der Umstand, dafs ihr Verfasser ein Aus-länder ist. Es ist begreiflich, dafs dem Bürger des fortgeschritteneren Landesdie primitiven Daseinsformen deutschen Wirtschaftslebens ein interessantesStudienobjekt sein mufsten, von dessen Eigenarten er seinen Landsleutennicht genug zu erzählen weifs. Ich wüfste kein besseres Paradigma, um dierichtig betriebene „vergleichende Socialwissenschaft“ in ihrer Fruchtbarkeitzu charakterisieren, als die etwa gleichzeitig entstandene Schilderung derenglischen Zustände durch F. Engels und der deutschen durch Banfield.
Die neuere Zeit hat nun aber reichlich nachgeholt, was die ältere ver-säumt hatte. Die letzten Jahrzehnte sind überreich an zum Teil vorzüglichengewerbewissenschaftlichen Monographien. In England hat Charles Booth in seinem unerreichten Sammelwerke über London eine Reihe vorzüglicherArbeiten publiziert; in Frankreich haben Pierre du Maroussem u. a.ihre schätzbaren Kräfte in den Dienst solcher Untersuchungen gestellt; inDeutschland hat die Schule Brentanos dieses Gebiet mit besonderem Eiferangebaut. Aber was der persönlichen Beobachtung durch den einzelnenForscher als Mangel anhaftet: die geringe Weite des Beobachtungsfeldes,macht sich doch bis zu einem gewissen Grade auch bei der wissenschaftlichenEinzelmonographie empfindlich fühlbar. Jede von ihnen gewinnt an Bedeutung,möchte ich sagen, durch jede folgende, die denselben Gegenstand behandelt.So mufste sich das Bedürfnis nach einer Häufung wissenschaftlicher