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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
Entstehung
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Drittes Kapitel. Die neue Technik. (j(

Zeit an das Eindringen der Wissenschaft in die Technik zudatieren h

Das mag noch mit einigen Worten näher ausgeführt werden inBezug auf die Chemie, deren Entwicklung die Vorbedingungaller modernen Industrie war. Von ihrem Stand um die Mitte des18. Jahrhunderts erhalten wir folgendes Bild 1 2 :Versetzt man

mit dem Bewufstsein des jetzigen Zustandes und Wirkungskreisesder Chemie seine Gedanken in das Jahr 1750, so meint man sichnicht um ein Jahrhundert, sondern um Jahrtausende und in ein un-bekanntes Land zurückgerückt, wo Wissen, Vorstellungen undSprache gar keinen Anknüpfungspunkt an die Gegenwart, keineMöglichkeit des Übergangs zu derselben, verraten. Man findet dieWissenschaft in einer Stellung und Betriebsweise befangen, wo siedem Leben im allgemeinen und selbst der Industrie (!) gröfstenteilsfremd ist; alle Forschungen auf das Qualitative eingeschränkt, dasQuantitative in den Zusammensetzungen und bei den Prozessen,was jetzt die wesentlichste Grundlage aller Untersuchungen ge-worden ist, völlig unberücksichtigt, daher keinen Gedanken an ana-lytische Chemie, noch viel weniger an Naturgesetze in dem

1Auf diesen naturwissenschaftlichen Disciplinen ruht das ganze wunder-bare und stolze Gebäude der heutigen Technik. Carl Jenny, Uber denEinflufs der mechanischen Technik auf unser Kulturleben. Rede, gehaltenam 11. Okt. 1875 (S. 55). Wenn in striktem Gegensätze zu diesem Ausspruchseines Wiener Kollegen jetzt A. Ri edler in seiner vielbesprochenen Schrift:Unsere Hochschulen und die Anforderungen des zwanzigsten Jahrhunderts(1898) seinen Hymnus auf dieTechnik in die Worte ausklingen läfst:die Regel ist . . ., dafs die theoretische Naturforschung der Technik nach-gefolgt ist (S. 48), so kann das in dem Munde eines Wortführers der tech-nischen Hochschulen zu Mifsverständnissen Anlafs geben, mafsen ja das WortTechnik so arg unbestimmt ist. Meint Riedler Technik im Sinne von tech-nischem Können, wie z. B. a. a. 0. S. 46:Der Bergbau ist älter als dieGeologie, . . . Hüttenwesen älter als Chemie u. s. w., so wird ihm die That-sache, dafs die Menschen, ehe sie denn eine Wissenschaft schufen, für ihresLeibes Nahrung und Notdurft sorgen mufsten, kaum jemand bestreiten. Esfragt sich nur, wie. Und da lautet die Antwort empirisch. Rationell erstnach Entwicklung der wissenschaftlichen Einsicht. Man wird also gut thun,den Riedlerschen Worten,dafs die theoretische Naturforschung der Techniknachgefolgt ist, hinzuzufügen:aber der Technologie stets voraufgegangen.In dichterischer Form hat demselben Gedanken Goethe in seinemDialogzwischen dem Gnomen, der Geodäsie und der Technik Ausdruck gegeben,wenn er die Technik sprechen läfst:

Nicht meinem Witz ward solche Gunst beschert,

Zwei Götterschwestern haben mich belehrt (Physik und Geometrie.)

2 Karmarsch , Geschichte der Technologie (1872), 33.