Druckschrift 
2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
Entstehung
Seite
71
Einzelbild herunterladen
 

Viertes Kapitel. Der neue Stil des Wirtschaftslebens.

71

fachen Gegenstände geäufsert haben. Während der eine behauptetdafs unser Wirtschaftsleben von der Tendenz beherrscht werde, diewirtschaftlichen Prozesse abzukürzen, verficht der andere dieMeinung 1 2 , dafs gerade in einer zunehmenden Verlängerung desProduktionsweges die charakteristische Eigentümlichkeit der kapi-talistischen Produktionsweise beruhe.

Es kann nun für mich keinem Zweifel unterliegen, dafs, waseigentlich bei zwei so hervorragenden Gelehrten selbstverständlichist, beide recht haben. Sie sehen nur dieselbe Sache von zweiverschiedenen Seiten an, also dafs sie jedem von ihnen in völliganderer Gestalt erscheint. In der hier bevorzugten Betrachtunghandelt es sich aber im Grunde um gar nichts anderes als um eine,ich möchte hinzufügen die bemerkenswerteste, jener Antinomien, dieaus der Entfaltung der kapitalistischen Triebkräfte sich ergeben.

Was zunächst wohl nicht bestritten werden kann, ist dieses,dafs der Wunsch nach Abkürzung der Produktionsprozesse aus demGewinnstreben jedes kapitalistischen Unternehmers mit Notwendig-keit erzeugt wird. Und nicht nur der Produktionsprozesse imeinzelnen, sondern des gesamten wirtschaftlichen Prozesses schlecht-hin. Ja, es dürfte die Behauptung kaum auf Widerspruch stofsen,dafs in dieser (subjektiven) Tendenz zur Abkürzung der Pro-duktions- und Cirkulationszeit der Waren sobald wir derenLebenslauf von dem Zeitpunkt an in Betracht ziehen, da sie in dieVerfügungsgewalt eines Wirtschaftssubjektes eintreten mit anderenWorten in dem Bestreben jedes Händlers, seine Waren möglichstrasch zu verkaufen, jedes Produzenten, seine Güter in einer mög-lichst kurzen Frist herzustellen, das moderne Wirtschaftsleben denprägnantesten Ausdruck seiner Eigenart findet. Wie sollte es dennauch anders sein, da doch dieses Bestreben in dem centralsten kapi-talistischen Interesse seine Begründung findet, in dem Interessenämlich an raschem Kapitalumschlag.

Bei gegebenem Gesamtkapital und gegebenen Produktions-bedingungen entscheidet die Häufigkeit des Kapitalumschlags überdie Höhe der Produktionskosten und des Profits: je häufiger derKapitalumschlag, desto niedriger können jene bei gleichen Profit-raten gestellt werden, desto leichter ist eine Unterbietung im Kon-kurrenzkämpfe also möglich, während umgekehrt bei gegebenen

1 Lexis in Schmollers Jahrbuch XIX, 332 ff.

2 E. von Böhm-Bawerk-, Positive Theorie des Kapitals (1889) undausführlicher und polemisch gegen Lexis in der Schrift: Einige strittigeFragen der Kapitalstheorie (1900), 8 ff.