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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
Entstehung
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70 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens.

beiden Fälle sich immer regelmäfsiger einstellen. Und dieseTendenz erwächst abermals mit Notwendigkeit aus Zweckreihen,die auf das Gegenteil des erzielten Erfolges ausgerichtet sind.

Die häufige Veränderung der Produktionsbedingungen ist, wieleicht ersichtlich, die unmittelbare Wirkung des wissenschaftlichenVerfahrens im Dienste kapitalistischer Interessen. Erst diesesrevolutioniert täglich die Güter-Herstellungs- und Transportmethoden,schafft täglich neue Gtiterqualitäten, die die alten Güterarten ver-drängen, und senkt durch neue Erfindungen von heute auf morgendie Produktionskosten einer Ware auf ein noch kurz vorher uner-hörtes Niveau. Freilich schafft erst das kapitalistische Interesse dieMotive dieser unausgesetzten Revolutionierung, für die das wissen-schaftliche Verfahren nur die Mittel liefert. Der Kapitalismus er-zeugt also selbst wieder mit Hilfe höchster Rationalisierung derTechnik das für ihn schlechthin Irrationelle: die Unberechenbarkeit,die Unstetigkeit und, damit verknüpft, die unausgesetzte Ent-wertung der produzierten Waren und der Produktionsmittel. Dennin dem Mafse, wie durch neue Verfahrungsweisen die Preise ge-senkt werden oder eine neue Anordnung der sachlichen Produktions-faktoren sich als notwendig erweist, verlieren die unter denfrüheren Bedingungen hergestellten Produkte oder zur Arbeit be-stimmten Produktionsmittel naturgemäfs an Wert. Sofern in einerSphäre der Güterproduktion eine stetige Tendenz zur Preissenkungvorherrscht (und das trifft für die Mehrzahl der gewerblichen Er-zeugnisse zu), kann man dann wohl die Wertverminderung derVorprodukte einegesetzmäfsige nennen 1 .

Und es bedarf keiner weiteren Begründung, dafs diesesGe-setz eine um so gröfsere Bedeutung für das Wirtschaftsleben ge-winnt, je länger die Produktionszeit der Güter währt. Besteht nunin der That eine Tendenz in der Gegenwart, diese zu verlängern,beobachten wir nicht vielmehr eine unausgesetzte und zwar rapidsich vollziehende Abkürzung der Güter-Produktions- und Transport-zeiten ?

Mit dieser Fragestellung sind wir an die Erörterung einesProblems herangerückt, das zu den interessantesten unserer Wissen-schaft gehört. Beobachten wir doch in der Litteratur, die sich mitihm beschäftigt, das seltsame Phänomen, dafs zwei der schärfstenDenker, die die Nationalökonomie der Gegenwart aufzuweisen hat,sich in diametral entgegengesetztem Sinne zu dem scheinbar so ein-

1 0. Wittelshöfer, Untersuchungen über das Kapital (1890), 49.