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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
Entstehung
Seite
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Viertes Kapitel. Der neue Stil des Wirtschaftslebens. QC)

jenem Streben entgegenstellt: um den Mitbewerber zu Uberbieten,müssen die Preise beim Aufkauf möglichst hoch, um ihn zu unter-bieten, beim Verkauf möchlichst niedrig bemessen werden. Es ent-steht somit das Problem, trotz wachsend unvorteilhafter Preis-gestaltung Gewinn zu erzielen. Der Versuch einer Lösung diesesProblems treibt in einen neuen Konflikt hinein, schafft, wenn wirwollen, abermals eine Antinomie.

Offenbar mufs jetzt alles Sinnen und Trachten des kapitalisti-schen Unternehmers (den wir uns in Zukunft in dubio immer alsProduzenten gewerblicher Erzeugnisse denken wollen) auf best-mögliche Anpassung an den Bedarf gerichtet sein: d. h. auf Ver-billigung und Verbesserung der angebotenen Waren. In dieserNötigung aber findet das mächtige Streben unserer Unternehmer,auf unausgesetzte Vervollkommnung der Verfahrungsweisen, aufSteigerung der Produktivkräfte zu sinnen, seine Erklärung. Nunkennt man den Erfolg dieses Strebens: die unerhörte Steigerungdes Produktionserfolges, somit die Vermehrung des feilgebotenenWarenquantums, somit die Tendenz zur Uberfüllung der Märkte,somit eine notorische Verschlechterung der Absatzbedingungen, aufderen Verbesserung man ausgegangen war.

Eine Hauptstärke der kapitalistischen Unternehmung, in der ihreEigenart am deutlichsten hervortritt, ist, wie wir ebenfalls wissen,ihre ausgeprägt kalkulatorische Schärfe: genaue Preisberechnung istdie Basis ihres Wirkens. Wiederum ergiebt sich, dafs dieses Bemühenzu Konsequenzen führt, die das Gegenteil dessen darstellen, was inder Absicht des Wirtschaftssubjektes lag. Dem extremen sub-jektiven Rationalismus entspricht die absolute objektive Irrationalitätder Preisbildung, die durch die Auf- und Abwärtsbewegung derKonjunktur, sowie durch den unausgesetzten Wechsel der Preishöhejeder Übersehbarkeit und Vorausbestimmbarkeit verlustig geht.Daher als Gegenpol der Kalkulation notwendig die Spekulation sichherausbildet, die nicht blofs die Schätzung des späteren Bedarfs,sondern auch die Schätzung der späteren Produktionsbedingungen,bezw. der Veränderungen in der Produktion umfafst, welche sichin dem Zeitraum zwischen Produktion und Konsumtion ergeben.Die Unberechenbarkeit der zukünftigen Preisgestaltung und damitdas Spekulative der Wirtschaftsführung wächst also in dem Mafse,als die Länge des Zeitraums zunimmt, der zwischen Produktions-anfang und Konsumtion der Güter verstreicht, und gleichzeitig dieVeränderungen in den Produktionsbedingungen während jenes Zeit-raums häufiger werden. Nun besteht aber die Tendenz, dafs diese