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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
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78 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens.

Es mag jedoch an einigen Beispielen noch verdeutlicht werden,in welcher Weise jene technischen Errungenschaften in Verbindungmit den entsprechenden Organisationsformen nun thatsächlich eineVerkürzung der Umschlagsperioden herbeiführen. Zunächst im über-seeischen Importgeschäft. Vor 50 Jahren war jede Nachricht,die aus den U. S. A. nach Europa gelangte, mindestens 1 Monat alt;ebenso lange dauerte es, um einen Auftrag nach drüben gelangenzu lassen. Dann kam der Transport der gekauften Ware vonlanger und unbestimmter Dauer. Erst nach ihrer Ankunftkonnte der Importeur über sie disponieren und auf einen Käuferhoffen. Erst wenn dieser gefunden war und bezahlt hatte, hatteder Kaufmann sein Kapital von neuem disponibel. Heute findetder Hamburger oder Bremer Importeur morgens, wenn er aufsKomtor kommt, Depeschen aus New-Yorlc oder Bombay vor, worinAnstellungen von Petroleum, Schmalz, Baumwolle etc. für einenganz bestimmten Preis gemacht werden. Der Kaufmann kalkuliertden acceptablen Verkaufspreis; sucht für diesen Käufer, findet sievielleicht schon an der Börse, acceptiert noch von der Börse austelegraphisch die Offerte des New-Yorker oder Bombayer Hausesund betrachtet damit im wesentlichen das G-eschäft als erledigt 1 .Besonders deutlich ist die Beschleunigung der Handelsgeschäfteund damit des Kapitalumschlages in der Entwicklung des amerika-nischen Getreide handeis zu verfolgen 2 . Sobald der städtischeElevatorbesitzer in New-Yorlc abends die telegraphische Übersichtvon den Tageseinkäufen der Landelevatoren erhält, telegraphierter seine Verkaufsofferten mit kurzer Annahmefrist in alle Richtungender Welt hinaus. In der Nacht kommt die Antwort zurück.Moi-gens findet der Elevatorbesitzer die Antwort vor, welche denVerkauf von so und so viel Busheis Getreide meldet. Dieser Ver-kauf wird stets unter Cif-Bedingungen abgeschlossen. Die Ver-schiffung selbst wird baldigst zu den ersten annehmbaren Be-dingungen angenommen, so dafs bisweilen das bereits vor Ankunftin der Stadt wieder verkaufte Getreide nur zum Zweck der Gra-dierung und genauen Wägung den Elevator passiert. Zugleich mitder Verschiffung und gleichzeitigen Konnossementsausstellung wirdin der Höhe des Kaufpreises auf den Käufer ein Wechsel gezogen

1 Vgl. Th. Barth , Wandlungen im Welthandel. 1882. S. 8. 10.

2 Vgl. H. Schuhmacher, Der Getreidehandel in den Ver. St. vonAmerika etc. Jahrbücher für N.Ö. III. P. Bd. X. S. 825. Für die ältere Formdes Getreidehandels im 19. Jahrhundert vgl. C. J. Fuchs, Der englischeGetreidehandel und seine Organisation; a. a. 0. N. F. Bd. XX.