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Und an dieser Versorgung Englands mit Nahrungsmitteln undRohstoffen waren wenigstens die Küstengebiete Deutschlands starkbeteiligt. Freilich sollte diese Blüteperiode zunächst ein Ende mitSchrecken nehmen; es ist bekannt, wie infolge übertriebenerBodenspekulation im zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts weiteGebiete des nördlichen Deutschlands von einer schweren Agrar-krisis heimgesucht wurden 1 , der dann zunächst Jahre der Stag-nation folgten, die in dem Mafse empfindlicher drückten, als Eng-land begann, die Peripherie seiner Kolonialgebiete zu erweitern 2 .Da hatte Friedrich List leichtes Spiel, als er seine Agitation zuGunsten einer nationalen Industrie von neuem begann. Er konntean den Schicksalen der deutschen Landwirtschaft die Richtigkeitseiner Behauptung demonstrieren, dafs sich die Landwirtschafteines Landes stets in einer prekären Lage befinde, solange sieauf den Export in fremde Länder angewiesen sei: bleibe ja doch„ihr Absatz ins Ausland . . durch natürliche Verhältnisse, wiedurch gesetzliche Hemmnisse ungemein beschränkt, ungewifs undfluktuierend“, und erst die Entwicklung der Industrie imeigenen Lande leiste die erforderliche Gewähr für einedauernde Blüte 3 . Wie gering in der That bei dem damaligenEntwicklungsgrade des gewerblichen Kapitalismus die Nachfragenach agrarischen Produkten im eigenen Lande war, ergiebt sichaus dem Verhältnis, in dem die Erntemengen zwischen „Stadt“und „Land“ verteilt wurden: nur etwa ein Viertel der Ernte
1 Über diese Agrarkrisis im Anfang des 19. Jahrhunderts vgl. A. Ucke,Die Agrarkrisis in Preufsen etc. 1888.
2 Das ergeben mit besonderer Deutlichkeit die Ziffern der englischenWolleinfulir: England importierte an Wolle (nach den Angaben des Board ofTrade) in Ctrn.:
aus:
Südafrika
Ostindien
Deutschland
1830
19 672
334
0
264 738
1840
97 212
7 517
2 441
218 120
1850
333 523
29 599
29 599
78 134
Mitgeteilt bei Meitzen, Der Boden 2, 515. Die ausführlichste Darstellungdieser Entwicklung findet sich bei H. Janke, Die Wollproduktion unsererErde etc. (1864), 120 ff. 186 ff.
3 Der noch heute lesenswerte Aufsatz „Über die Beziehungen der Land-wirtschaft zur Industrie und zum Handel“ ist 1844 erschienen und in ListsGes. Sehr. 2, 255 ff. abgedruckt.