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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
Entstehung
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134 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens.

deutenclste Nebenbeschäftigung ist) versponnen und dann in denHandel gebracht 1 ;

für Schlesien heifst es 2 :Hier im Gebirge, wo das Ver-hältnis zwischen der Ackerfläche und ihrer Fruchtbarkeit zu derdarauf lebenden Einwohnerzahl ein ganz anderes ist als im flachenLande, hier, wo der länger dauernde Winter den Feld- undAckerarbeiten einen längeren Stillstand gebietet, können dieselandwirtschaftlichen Arbeiten für den Winter nicht ausreichen, umdie Masse der Einwohner zu beschäftigen; und sie sind daher ge-zwungen, zu irgend einer andern Beschäftigung zu greifen, um ihrLeben fortzufristen. Aber es war nicht nur ein Erfordernis derunfruchtbaren Gebirgsgegenden, Nebenbeschäftigung zu finden: auchaus den ebenen Teilen erfahren wir ganz dasselbe;

in Pommern sitztnach alter Sitte der Bauer zuweilen anSpinnrocken mnd Haspelstock. Diese gedankenlose Arbeit ist ihmdie liebste . . Seine Industrie reicht nicht weiter, als viel Flachsfür sich und für andere Dorfweber . . . viel Segeltuch und Lein-wand für den Aufkäufer, für die Stolzer und Schlawer Kaufleuteund Jahrmärkte zu schaffen 3 .

Aber wir würden irren, wollten wir annehmen, dafs mit denangeführten ländlichen Hausindustrien der Kreis von Nebenerwerbs-möglichkeiten für die ländliche Bevölkerung in frühkapitalistischerZeit schon geschlossen gewesen wäre. Es ist vielmehr ausdrücklichfestzustellen, dafs ein grofser Teil auch der übrigenlndustriender Landbevölkerung dadurch eine Ressource gewährte, dafs sieüber das Land hin zerstreut waren und damit in weiterem Umfangeihren Arbeitern Gelegenheit boten, nicht nur auf dem Landewohnen zu bleiben, sondern sogar landwirtschaftliche Tagelöhnereinebenbei zu treiben oder in ihrer bäuerlichen Wirtschaft thätig zusein. Diese stark decentralistische Tendenz der frühkapitalistischenIndustrien, auch derer, die schon in der Form von Fabriken oderManufakturen auftreten, hat aber ihren entscheidenden Grund inder Eigenart der Technik, die auf weitgehender Verwendung vonHolz sowie des Wassers als motorische Kraft aufgebaut war: zweck-mäfsige Verwertung des Holz- und Wasserreichtums

1 von Reden, Gewerbliche Zustände Kurhessens nach amtlichen Quellenin der Zeitschrift des Vereins für deutsche Statistik 1 (1847), 507/8.

2 Schneer, Not der Leinenarbeiter (1844) S. 137.

3 A. von Lengerke, Schilderungen der baltischen und westfälischenLandwirtschaft. 1 (1849), 215. Vgl. A. Padberg, Die ländliche Verfassungder Provinz Pommern (1861), 144.