Sechstes Kapitel. Grofsbritannien.
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Aber all’ diese Umstände erscheinen mir noch nicht genügend,um das ungewöhnlich lange Verweilen einer ländlichen Uberschufs-bevölkerung in England hinreichend zu erklären. In der Thatfinden wir denn auch, wenn wir genauer hinsehen, dafs eine Reiheganz besonderer Ursachen wirksam gewesen ist, um jenes eigen-tümliche Phänomen eines dauernden Bevölkerungsüberschusses aufdem platten Lande bei immerhin schon fortgeschrittenem gewerb-lichem Kapitalismus hervorzurufen. Gemeint ist:
4. die Gestaltung der Armen- und Heimatsgesetze in England in den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts.
Es ist bekannt, dafs auf der einen Seite eine aufserordentlichexklusive Heimatgesetzgebung das ältere englische Armenwesencharakterisiert, nach der principiell das Unterstützungswesen als Aus-flufs des Heimatsrechts zu betrachten war — ein Grundsatz, der erstim Jahre 1846 durchbrochen wurde; dafs aber auf der anderen Seiteder sog. Gilbert’s Act vom Jahre 1782 eine Reihe von Mafsnahmeneinleitete, die es für die ärmeren Schichten der Bevölkerung aufser-ordentlich leicht und reizvoll machten, die öffentliche Armenpflege inAnspruch zu nehmen. Im Anschlufs an die Bestimmung, dafs für diearbeitsfähigen Armen von den Guardians nicht nur eine geeigneteBeschäftigung ausfindig gemacht, sondern auch der gewonneneArbeitslohn eingezogen und zum Unterhalt mit verwendet werden
aus denen sich beispielsweise ergiebt, dafs von der Gesamtzunalimeder Bevölkerung
1821—1831 = 51 °| 01841-1850 = 82 °/ 0
auf die Städte über 20000 Einwohner entfiel, oder in absoluten Ziffern aus-gedrückt: von den Städten nicht absorbiert wurden1821—1831 = 921000 Personen,
1841—1851 = 354000
Ganz irreführend ist dagegen die Berechnungsweise Webers a. a. O., derimmer nur die Zu wachs prozente in Stadt und Land ansiebt und auf diesemWege zu der Annahme kommt, dafs das Jahrzehnt 1821—1831 eine ganzbesonders starke Tendenz zur Konzentration der Bevölkerung in den Städtenaufweist. Jedenfalls ist es sehr wohl vereinbar, dafs in einer Periode dieStädte rascher wachsen als in einer anderen und trotzdem in dieser letzterendie Absorptionsfähigkeit der Städte eine gröfsere ist. Das Exempel ist einfach:Die Gesamtbevölkerung betrage 100, die städtische 10; letztere steige auf 20,erstere auf 120, so beträgt das Zuwachsprozent der städtischen Bevölkerung 100,das Absorptionsprozent 50. Vermehrt sich nun die Gesamtbevölkerung weiterauf 130, die städtische auf 30, so beträgt das Wachstum der letzteren nur50 °/o, die Ahsorptionsrate ist jedoch auf 100 °/ 0 gestiegen. ÜberdieStagnationder englischen Baumwollindustrie in dem ersten Jahrzehnt nach dem Kriege undihre Gründe vgl. G. von Schulze-Gaevernitz, Der Grofshetrieb (1892)S.46 ff.