172 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens.
Gerade für Belgien ist nun aber in mustergültiger Weise derurkundliche Nachweis geführt, wie infolge dieser kapitalistischen Entwicklung der Landwirtschaft, infolge aber namentlich wiederdes Niedergangs der alten ländlichen Hausindustrie die ländlicheBevölkerung entwurzelt und von ihrem alten Standort vertriebenwird. Belgien ist darum ein interessantes Beispiel, weil es die ana-logen Entwicklungstendenzen in Deutschland und England aufweist,trotzdem es ein überwiegend bäuerliches Land ist. Die meister- *
hafte Darstellung der belgischen Agrarverhältnisse, die wir besitzen— sie stammt aus der Feder Emil Vanderveldes 1 — enthebtmich der Mühe, hier näher auf die Verhältnisse jenes Landes ein-zugehen.
Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts, zum Teil noch länger herrschtin vielen Gebieten der Schweiz das naturalwirtschaftlich-patriarcha-lische Arbeitsverhältnis der Lehenmänner, einer Art bäuerlicher Insten,vor. An Arbeitern ist kein Mangel. Infolge dann des Übergangs vonder extensiven Getreide- zur intensiven Milch- und Käsewirtschaft,beginnt seitdem eine Umwandlung des alten Naturallohnverhältnissesin ein reines Geldlohnverhältnis. Die ländliche Bevölkerung fängt anabzuströmen. Bereits seit 1850 weisen die schweizerischen Volks- v
zählungen einen schnelleren Bevölkerungsrückgang der rein agrikolenKantone und Kantonsgebiete auf. Ganz deutlich aber ist es auch hierdie intensive Landwirtschaft, die den alten Arbeiterstand mobilisiertund repelliert. „Die intensiv betriebene Landwirtschaft hatte für denkleinen Lehenmann oder „Tauner“ keinen Kartoffelacker mehr undauch keine Zeit mehr übrig denselben gar noch zu pflügen, eben-falls keinen Platz in Scheune und Stall. Es gab kein c Urlan<Pmehr, wo er für seine Kuh oder Ziege Futter gewinnen konnte,auch andere Naturalnutzungen haben aufgehört, alles hat Geldwerterhalten und wird von den Bauern selbst verwertet. Also zog derLehenmann als gewöhnlicher Mieter ins Dorf“ etc. 2 .
1 Vgl. aufser dem schon genannten Aufsatz die Studien Vanderveldes
im „Mouvement socialiste“, Tome I, 1899; ferner die Serie von Monographien, r
die er in den Annales de l’Institut des Sciences sociales unter dem Titel„L’influence des villes sur les campagnes“ veröffentlicht hat und die einzeln inden Jahren 1898 und 1899 erschienen sind.
2 Hans Schmid, das schweizerische Bauernsekretariat und seinel’rogrammarbeit: Zum landwirthschaftlichen Arbeitermangel in der Schweiz inden „Deutschen Worten“, herausgeg. von Pernerstorfer 18 (1898), 441.
Vgl. die übereinstimmende Darstellung von Rnsticus, LandwirtschaftlicherArbeitermangel in der Schweiz : „Neue Zeit“, 17, 1 (1898/99), 101 ff.