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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
Entstehung
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Neuntes Kapitel.

Aufgaben einer Städtetheorie.

In den Versuchen, dem Phänomen der Städtebildung theoretischgerecht zu werden, treten die Mängel des socialwissenschaftlichenVerfahrens unserer Tage so krafs hervor, dafs es wünschenswerterscheint, die folgenden Beiträge zu einer Theorie der Städtebildungmit einigen methodologischen Bemerkungen einzuleiten.

Theorie eines socialen Phänomens wie jedes andern kann jadoch immer nur gleichbedeutend sein mit einer systematischen Er-klärung des betreffenden Erscheinungskomplexes. Umschreibungist aber keine Erklärung; und Tautologien sind nirgends so häufig,als dort, wo es sich um eine Theorie der Städtebildung handelt.Oder sind Sätze wie diese:der Verkehr wirkt städtebildendoder:wo der Verkehr am gröfsten, da liegen auch die gröfstenStädte (!) 1 etwas anderes als Umschreibungen, als Tautologien ?Man wird vielmehr die simple Wahrheit auch in unserm Fallegelten lassen müssen, dafs eineTheorie die Aufgabe haben wird,darzulegen:

1. die Ursachen;

2. die objektiven Bedingungen;

3. die Wirkungen der Städtebildung.

Die Ursachen! Also doch wohl die Beweggründe, die

Menschen veranlassen, ihren Wohnsitz dort aufzuschlagen, woschliefslich eine Stadt zu stehen kommt. Denn etwas anderes alsMotive lebendiger Menschen, wissen wir, kann niemals Ursachesocialer Erscheinungen sein. Aber mit welch souveräner Ver-

1 Sie sind einem der berühmtesten Bücher der neuen Fachlitteraturentlehnt. Jeder Kenner weifs, wie häufig ähnliche Plattheiten sich in dereinschlägigen Litteratur finden.