188 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens.
achtung setzen sich die meisten „Theoretiker“ über diese einfacheErkenntnis hinweg. Ich mag nicht „quellenmäfsig“ all’ den Un-sinn belegen, der in der Litteratur zu Tage tritt. Wir haben eineBlutenlese davon schon kennen gelernt, wo wir von der Motivationim socialen Leben im allgemeinen handelten. Ströme, Ebenen,Steinkohle, Dampf, Gewerbefreiheit, Freizügigkeit, Eisenbahnenund wie vieles anderes noch soll „städtebildend“ nach der Meinungunserer Theoretiker wirken! Eines insbesondere hat Verwirrungangerichtet: das ist der namentlich durch Ritters geniale For-schungen angeregte Gedanke, die geographische Lage der Städtebei der Erklärung ihres Daseins in Rücksicht zu ziehen. Aberstatt nun zuvörderst zu fragen, in welcher Beziehung die geographi-sche Lage zu einer etwaigen Verursachung der Städte stehe, hatman in wilder Weise Lage für Ursache genommen und kurzerHand danach eine „Theorie der Städte“ entwickelt, um sich amEnde vielleicht ganz erstaunt zu fragen, warum denn beispielsweiseso herrliche Ströme wie Mississippi, Kongo oder Zambesi nichtauch „städtebildend“ gewirkt haben, oder warum heute an einemPunkte eine Weltstadt erstanden ist, wo vor hundert Jahren einelendes Fischerdorf gelegen hat 1 .
1 Hauptrepräsentant dieser Richtung ist J. G. Kohl, Der Verkehr und dieAnsiedelungen der Menschen. 1841.
Es giebt wohl in der Litteratur jeder Wissenschaft Schädlinge, Bücher,die den Fortgang der wissenschaftlichen Erkenntnis nicht fördern, sondernauf halten. Besonders zahlreich sind sie aber in dieser zerfahrenen Wissenschaft, dieman Nationalökonomie nennt und den Grenzgebieten. Das grofsartigste Beispielist Wilhelm Roscher, dieser eminent geistvolle Mann, durch den die deutscheNationalökonomie ein reichliches Menschenalter verloren hat. Im kleinen gehörtzu der Kategorie der wissenschaftlichen Schädlinge der oben genannte Kohl,durch den die Lehre von der Städtebildung durchaus auf ein totes Geleisegefahren worden ist. Es hat kaum einen unglücklicheren Gedanken gegeben,als den, der den Inhalt der Kohl’schen Schriften ausmacht, diesen unklaren,vieldeutigen und darum absolut leeren Begriff „Verkehr“ in den Mittelpunktder Theorie von den Ansiedlungen zu stellen, wodurch es ^glücklich gelang,die Unterschiedlichkeiten der Existenzbedingungen einer modernen Groß-stadt, eines Hottentottenkraals und eines Ameisenhaufens völlig auszulöschen.Aber so unfruchtbar der Gedanke war: er verfing und hat eine Generationin Schlummer gewiegt. Das macht, er und die ganze Art Kohl kam der Denk-bequemlichkeit so vortrefflich entgegen. Man glaubte tiefsinnige Erkenntnis zugewinnen, während man in einem seichten Gewässer von nichtssagenden Selbst-verständlichkeiten herumplätscherte. Es ist schier unglaublich, mit welcherprofessoralen Breite und Gespreiztheit in jenem Kohl’schen sog.„Standard-Work“ (so nennt es z. B. noch der junge F. A. Weber) die gröfstenTrivialitäten vorgetragen werden; man lese nur z. B. S. 74 f. vom Kameel und