Druckschrift 
2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
Entstehung
Seite
189
Einzelbild herunterladen
 

Neuntes Kapitel. Aufgaben einer Städtetlieorie.

189

Wie aber? wenn wir auf die Motive der Menschen als einzigstädtebildende Ursache zurückgelien: wird es dann überhauptmöglich sein,Sinn und Gesetz in der wechselnden Mannigfaltig-keit der Erscheinungen zu entdecken? Denn darüber kann keinZweifel obwalten: tausendfach verschieden sind die Motive, die deneinzelnen Menschen oder richtiger die einzelnen Gruppen gleich-interessierter Menschen in die Stadt zusammenführen. Naturgemäfsam zahlreichsten in den gröfsten Städten, diesen wundersamen Ge-bilden, deren Deutung uns doch gerade am meisten am Herzenliegt.

Betrachte doch einmal diese Menschenmenge, für welche kaumdie Häuser der unermefslichen Stadt ausreichen. Der gröfsere Teil

dieses Schwarms lebt fern von der Heimat.Einige hat der

Ehrgeiz hergeführt, andere die Notwendigkeit eines öffentlichenAmtes, andere ihre Stellung als Abgeordnete, andere die Schwelgerei,die nach einem reichen und für Laster bequemen Tummelplatzsucht, andere das Streben nach Wissenschaft, andere die Schau-spiele. Die hat die Freundschaft herbeigezogen, jene die Industrie,welche hier ausgedehnten Stoff findet, ihre Geschicklichkeit zuzeigen. Einige bieten ihre Schönheit feil, andere ihre Beredsam-keit. Da giebt es keine Art von Menschen, welche nicht in derHauptstadt zusammenträfe, wo sowohl den Tugenden, wie denLastern grofse Prämien winken.

Diese bekannte Schilderung, die Seneca seiner Mutter vonder alten Roma entwirft 1 , pafst noch heute wörtlich auf jede Grofs-

Elefanten, die auf dem Eise nicht gut als Lasttiere zu gebrauchen sind, S. 183vom Bauen unter der Erde (weshalb die Menschen nicht ebensoviel Stockwerkeunter wie über der Erde bauen), S. 195/96 vom Spazierengehen (dafs dieMenschen, wenn sie die freie Natur geniefsen wollen, vor die Tliore der Stadtgehen müssen), S. 406/7 (vom Ende und Anfang des Flusses) u. ä. Streichtman solche Plattheiten, an denen jede Seite ein halbes Dutzend aufweist, sobleiben von den 600 Seiten des Buches keine 60 übrig, die wirkliche wissen-schaftliche Erkenntnis enthalten, und was auf diesen steht, war vor Kohl schonzehnmal besser und geistvoller von Franzosen, Engländern und Italienern gesagtworden. Ein schauerlicher Typus jener verhängnisvollen Gartenlauben-Litteraturder geistesöden Zeiten deutschen Lebens um die Mitte des 19. Jahrhunderts,die auch in die Wissenschaft eindrang und hier ebenfalls den Geruch vonfrischem Napfkuchen und langer Pfeife verbreitete. Echte Professorenweisheitim schlimmen Sinne; wie sie doch heute ganz gewifs der Vergangenheit an-gehört?

1 Cons. ad Helv. 6 nach der Übersetzung bei R. Pöhlmann, Die Über-völkerung der antiken Grofsstädte. 1884. S. 17.