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Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens.
stadt wie sie auf das Alexandrien des Altertums 1 2 * 4 * , das Konstantinopeldes Mittelalters 1 , auf das Paris des 17. Jahrhunderts 2 oder dasLondon des 18. Jahrhunderts 8 gepafst hat, läfst sich aber auch miteinigen Änderungen für jede einzelne, auch die kleinste Städte-gründung in jedem Zeitalter recht wohl verwenden, wenn man nurdieses herausliest: unendlich mannigfaltig sind die Beweggründe
der „städtebildenden Menschen“ überall und immerdar gewesen.
Und der Städtetheoretiker müfste nicht nur die Ursachen derStädtegründung, sondern auch deren objektive Bedingungenaufdecken und plausibel machen. Aber auch die Frage: welcheVoraussetzungen müssen erfüllt sein, damit die zur Städtegründungdrängenden Motive sich verwirklichen können, wird eine unüber-sehbare Fülle von Antworten wecken. Denn jene objektiven Be-dingungen können wiederum der mannigfaltigsten Art sein: klima-tischer, bautechnischer, verkehrstechnischer, ökonomischer, popula-tionistischer und was weifs ich, welcher Art noch!
Tanta moles erat, Romanam condere gentem!
Und nun gar erst die Wirkungen der Städtegründung! Sindsie nicht so mannigfaltig wie die Wahrzeichen dessen, was wir als„städtisches Wesen“, Civilisation schlechthin bezeichnen? Ist es nichtoffensichtlich, dafs insbesondere mit der modernen Grofsstadt eineneue Ära menschlicher Entwicklung begonnen hat; dafs die „Villetentaculaire“, von der Emile Verhaeren singt, alles frühere ver-nichtet, die Geschichte der Völker in neue Bahnen geleitet hat 4 ?Ist es heute nicht schon mit Händen zu greifen, dafs Religion undSitte, Staatsform und geselliges Leben, Litteratur und Kunst, kurzunser gesamtes inneres wie äufseres Leben auf einen neuen Bodengestellt ist, dafs eine neue Kultur, die Asphaltlcultur, be-gonnen hat, und damit dem einen der Anfang vom Ende allermenschlichen Gesittung 6 * , dem anderen erst die Morgenröte eines
1 Siehe die Belegstellen hei Pö hl mann, 17. 18.
2 Ich denke beispielsweise an die Schilderungen La Bruyüres in demKapitel der Caracteres, das er „de la Ville“ überschrieben hat; oder für das18. Jahrhundert an die Lettres persanes Montesquieus.
a Vgl. z. B. D. Hu me, Essays 2 (1793), 23.
4 The growtli of large cities constitutes perhaps the greatest of all the
Problems of modern civilization. Mackenzie, Introduction to Social Philosophy(1891), p. 101.
6 „II volgo, al quäle tutto quello ch’e grande impone, ammira le grandi
cittä e le capitali immense. II filosofo non vi vede altro che tanti sepolcri
sontuosi che una moribonda (!) nazione innalza ed ingrandisce per riporvi condecenza e con fasto le sue ceneri istesse.“ G. Filangieri, Delle leggi poli-tiche ed economiche (1780), Custodi, P. M. 32, 178.