Neuntes Kapitel. Aufgaben einer Städtetheorie.
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verfeinerten Kulturdaseins, einer menschenwürdigen Existenz an-gebrochen scheint. Das alles wäre ausführlich zu behandeln, wollteman den "Wirkungen der Städtegründung auch nur einigermafsengerecht werden. Eine Kultur- und Sittengeschichte unter dem Gesichts-punkt der Urbanisierung wäre das Ergebnis. Gewifs ein Problemdes Schweifses der Besten wert.
Aber wie sollen wir, die wir am Boden mit unseren Gedankenkriechen, armselige wissenschaftliche Handlanger, uns solch 1 kühnenBaues unterfangen? Wollen wir auch nur mit den Dichtern undDenkern grofsen Stils wetteifern, die uns gelegentlich schon jetztgesungen und gesprochen haben von dem Wesen zumal der modernenGrofsstadt, dieser Blüte alles Menschtums? Was vermöchte einetrockene Registrierung von Einzel Wirkungen etwa gegen die Schil-derungen, die wir vom Pariser Wesen besitzen aus den Federn derersten Schriftsteller ihrer Zeit von den La Bruyere und Montesquieu angefangen bis zu den Zola und Prevost unserer Tage?
Offenbar mufs es einen Ausweg aus diesen Wirrnissen geben.Um überhaupt eine Theorie der Städtebildung in eine erreichbareNähe zu rücken, müssen wir das komplexe Phänomen unter nureinem Gesichtspunkte zu betrachten versuchen, wir als National-ökonomen also unter dem wirtschaftlichen. Was wir zu erstrebenuns müssen angelegen sein lassen, ist eine ökonomische Theorieder Städtebildung. Ist es nicht zum Weinen traurig, dafs heutzu-tage, also etwa ein und ein drittel Jahrhundert nach dem Erscheinender Inquiry von James Stewart so etwas noch erst ausdrücklichausgesprochen werden mufs? Wer aber, der die einschlägigeLitteratur kennt, möchte zu behaupten wagen, es sei überflüssig?
Und damit genug der leidigen methodologischen Spitzfindigkeitenund frisch an die Lösung des Problems herangegangen!
Was ist eine Stadt, eine Stadt also im ökonomischenSinne ? 1 Wir fassen den Begriff am besten negativ, etwa so: eineStadt ist eine Ansiedlung von Menschen, die für ihren Unterhaltauf die Erzeugnisse fremder landwirtschaftlicher Arbeit angewiesensind. Damit scheidet eine ganze Menge stadtähnlicher Ansiedlungenvon vornherein aus unserer Betrachtung aus.
Jene Zwitter zunächst, die der deutsche Sprachausdruck treffendals „Landstädte“ bezeichnet, in denen ein grofser Teil der Be-
1 Auf die vor allem den Statistiker interessierende Frage: was ist eineStadt, will ich nicht eingehen. Die Erörterung dieses Problems hat schon wiederzu einer ganzen umfangreichen Litteratur geführt. Vgl. namentlich die S. 184citierten Schriften.