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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
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192
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Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens.

wohner noch selber den Boden bearbeitet, also auch die Gebildedes Mittelalters, wie sie uns B ü c h e r in seinem Frankfurt geschilderthat. Aber auch die Riesenstädte des orientalischen Altertums, wieNinive und Babylon, werden wir uns als Städte im ökonomischenSinne zu betrachten abgewöhnen müssen 1 , ebenso wie wir demalten indischen Grolsgemeinwesen, nach Art Calcuttas 2 3 oder demmodernen Teheran und ähnlichen Ansiedlungen 8 den Charakter einerStadt kaum werden zuerkennen dürfen.

Einem solcher Art umschriebenen Phänomen unter wirtschaft-lichem Gesichtspunkt gerecht zu werden, ist offenbar in zweifacherWeise möglich. Man kann zunächst an eine Art von ökonomischerNaturlehre der Städte denken. Zwar möchte ich darunternicht die geistvollen Apergus 4 * * verstanden wissen, die Roschermit diesem Namen belegte, sondern eine systematische Darlegungderjenigen ökonomischen Faktoren, die notwendig bei jederStädtebildung, wo und wann auch immer sie erfolgt, bestimmtenEinflufs ausüben. Ich wüfste nun freilich nicht, welcher Art Er-scheinungen man hier namhaft machen sollte, ohne sich der Gefahrauszusetzen, Trivialitäten zu sagen, soweit es sich um die Ur-sachen und die Wirkungen der Städtebildung handelt. Wohl aberlassen sich einige allgemeine Wahrheiten über die ökonomi-schenNa turbedingungen der Stadt schlechthin aussprechen,etwa in der Weise, wie es James Stewart und Adam Smith mit gewohnter Meisterschaft gethan haben, Wahrheiten, die im Grundeaber in dem einen bekannten Satze des alten Smith wie in einergemeinsamen Hülse eingeschlossen sind.It is the surplus produce

1 Es warenvon kolossalen Enceinten umschlossene, einen ganzen Komplexmehr oder minder lose zusammenhängender Stadtanlagen enthaltende Terri-torien mit Acker und Weide, um die Bevölkerung im Fall einer Ein-schliefsung ernähren zu können. Pöhlmann, a. a. 0. S. 3/4.

2 Die älteren indischen Städte werden uns als eine Gruppe von Dörfern ge-schildert, diein der Stadt nur ihre gemeinsamen Weideplätze hatten. AlteMark? Hunter, The Indian Empire. 1886. S. 46.

3Die ummauerten Städte Mittelasiens umschliefsen in ihren Lehmwällenviel gröfsere Räume, als für die Stadt allein notwendig sind. In Buchara ,China u. a. nehmen weit mehr als die Hälfte der Bodenfläche Acker- undGartenland, öde Plätze, Teiche und Sümpfe, Haine von Ulmen und Pappeln,ausgedehnte Viehhöfe ein . . . Man rechnet bei diesen Anlagen mit der Not-wendigkeit der selbständigen inneren Erhaltung hei Belagerungen. F. Ratzel ,Anthropogeographie 2 (1891), 447.

4 Im dritten Bande seinesSystems der Volkswirtschaft. Die Roschersche

Naturlehre findet man übrigens schon vorgearbeitet in den Schriften von

Botero, Hippolitus a Collibus, Marberger u. a.