198 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens.
wohnt im allgemeinen keine städtebildende Kraft inne. Die Industrie-centren noch des achtzehnten Jahrhunderts: die Bergwerksstädteoder die Centralen der hausindustriellen Textilindustrie wie Leeds ,Birmingham in England; Iserlohn, Paderborn, Jauer, Hirschberg in Deutschland , sind kaum Mittel-, meist Kleinstädte.
Der ursprünglichen Weisen, das Mehrprodukt eines gröfserenGebiets in eine Stadt zu leiten und damit dieser die Möglichkeitbeträchtlicher Vergröfserung zu verschaffen, kennt das frühkapi-talistische Zeitalter, soviel ich sehe, vielmehr folgende zwei andere:
1. die Urbanisierung des Landadels;
2. die Finanzwirtschaft des modernen Fürstentums.
Jener Prozefs bewirkte, clafs die in der Stadt sich ansiedelndenGrundeigner nunmehr auch ihren immer noch wachsenden Anteilan der Produktion des Landes in Form der Grundrente der Stadtzu gute kommen liefsen; diese aber schuf in den sich rasch ver-mehrenden Steuern das sicherste Mittel, grofse Wertbeträge desNationalprodukts ebenfalls zur Konsumtion in der Stadt zusammen-zubringen, die teilweise direkt zum Unterhalt von Hof, Heer undBeamtenschaft, teilweise zur Befriedigung der Staatsgläubiger ver-wendet werden konnten. Ich stehe nicht an, zu behaupten, dafs derbedeutende Aufschwung, den namentlich die Hauptstädte dergröfseren Reiche in frühkapitalistischer Zeit nehmen, vornehmlicheiner solchen Konzentration des Konsums und damit einerquantitativen und namentlich qualitativen Steigerung des Bedarfsgeschuldet war, wie er sich in den genannten Schichten der Be-völkerung zunächst entwickelt. Landlords, Höflinge, Haute Financetreten jetzt zu den Kaufleuten als städtebildende Elemente hinzuund bestimmen ganz deutlich den Typus derjenigen modernen Städte,die wir zuerst füglich mit dem Namen der Grofsstadt ansprechendürfen.
Wenn wir die italienischen und spanischen Städtewährend des 16. Jahrhunderts sich zu einem Volksreichtum entfaltensehen, wie ihn annähernd keine andere Stadt im Mittelalter erreichthatte *, so möchte ich diese Erscheinung schon mit den eben gekenn-
1 Im XVI. Jahrhundert wuchs Neapel zu einer Stadt von 240 000 Ein-wohnern empor; Mailand und Venedig zählten im Jahre 1580 gegen 200000,Rom und Palermo 1600 über 100000 Einwohner, Messina ebensoviel. „Allediese Städte hatten im Laufe des Jahrhunderts ihre Bevölkerung etwa ver-doppelt“, also in einer Zeit, als ihre Bedeutung als Handelsstädte offenbarnicht mehr wesentlich zu wachsen vermochte. J. Bel och, a. a. O. S. 53/59