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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
Entstehung
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Zehntes Kapitel. Die Genesis der kapitalistischen Stadt. 190

zeichneten Entwicklungsreihen in Verbindung gebracht sehen 1 . InItalien und Spanien war es, wo modernes Finanzwesen sich zuerstentwickelte, in Italien vor allem vollzog sich der Urbanisierungs-prozefs des Landadels, dasinurbamento della nobiltk, wie wirsahen, früher und radikaler als in irgend einem anderen LandeEuropas . Es wurde geschildert, wie die Feudalherren in Ober- undMittelitalien schon seit dem 12. Jahrhundert sogar zwangsweisegenötigt wurden, in der Stadt zu leben 2 , was sie in Neapel 8 undden sicilianischen Städten, wo der Hof Friedrichs II. die erstemächtige Anziehung ausgeübt hatte, freiwillig thaten. Das Bild,das wir von der Gesellschaft der blühenden Renaissancestädte Italiens empfangen 4 * 6 * , zeigt uns deutlich diese Mischung von landed undmonied interest als tonangebend, wie wir es später in den grofsenKapitalen West-Europas wiederfinden 8 . Nur, dafs selbstverständlich

1 Ich sehe nachträglich, dafs der Gedanke keineswegs den Vorzug derNeuheit hat, vielmehr schon vor recht langer Zeit ausgesprochen ist:Quaerisqui fiat, quod in Italia magnificentiores urbes quam multis aliis in regnisreperiantur? Sed non est difficile quod respondeam. Id enim fit tum aliis,tum hac praecipue de causa: quot Italos nobiles, loquor de praecipuis nonde mercatoribus, urbes inliabitare non pudet: Hippolyt, a Collibus, In-crementa urbium sive de caussis magnitudinis urbium über unus. Editionova. Als Anhang zu der lateinischen Übersetzung des Botero (Ilelmestadii1665) pag. 206.

2 Vgl. die Belege Bd. I S. 313 ff. und vgl. dazu noch C. Bertagnolli,Delle vicende dell agricoltura in Italia. 1881. pag. 175. W. Sombart , Dierömische Campagna (1888), S. 138 und E. Poggi, Cenni storici delle Leggisull agricoltura . 1848. 2, 163 ff.

3In Neapel ist der Adel träge und giebt sich weder mit seinen Gütern,noch mit dem als schmachvoll geltenden Handel ab; entweder tagediebt er zuHause oder sitzt zu Pferde.Zu Hause das heifst in der Hauptstadt.J. Burckhardt , Die Kultur der Renaissance in Italien. 2 3 (1878), 106, 166.Vgl. dazu Hippolyt, a Coli. 1. c. pag . 207.

4 Vgl. das erste Kapitel des fünften Abschnitts bei Burckhardt ,

a. a. 0.

6 Besondere Gründe beförderten das Wachstum Roms und Venedigs: dortdie Finanzwirtschaft der Päpste, hier der frühe Kolonialbesitz. Von denKolonistenfamilien Kretas erfahren wir schon im 15. Jahrhundert:Eine An-zahl hatte grofse Vermögen erworben; sie lebten jetzt in Venedig und ver-zehrten ihre Zinsen. Vgl. E. Gerland, Kreta als venetianische Kolonie(12041669) im Historischen Jahrbuch 20 (1899), 22.

In Spanien wirkte auf eine rasche Konsumkoncentration in den grofeen

Städten während des XVI. Jahrhunderts vor allem auch die enorme Geld-accumulation hin, wie sie infolge der Ausbeutung der amerikanischen Bergwerke eintrat. Vgl. Häbler, Wirtscliaftl. Blüte Spaniens , S. 53. 153. 155und passim.